Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266729
Kapitel. 
Die 
Frührenaissance. 
der italienischen 
Kultur 
255 
Werk als solchem ihr Interesse zuzuwenden. Auch darin war sie in 
Folge des durchgebildeten Individualsinns den nordischen Nationen weit 
überlegen. Wenn wir die Masse roher Arbeiten der deutschen Kunst 
aus der gleichen Epoche erwägen, so erkennen wir, dass bei uns nieht 
bloss die Künstler, sondern auch die Besteller mit der handwerklichen 
Mittelmässigkeit sich gar" zu oft genügen liessen. Dort war man zu- 
frieden, wenn dem religiösen Bedürfniss entsprochen ward; hier stand 
hinter der kirchlichen Aufgabe als ungleich höhere Forderung die 
künstlerische Lösung. Es nahte die Zeit, wo das Religiöse sich in das 
menschlich Wahre und Schöne umsetzen sollte. 
Mit der Darstellung des Menschen halt die seiner Umgebung 
gleichen Schritt. Vor allem regt sich mächtig das Gefühl für die laud- 
schaftliche Stimmung, wie wir es in den literarischen Schöpfungen 
schon seit Dante, ausgeprägter noch bei Petrarca finden. Was Giotto 
auf diesem Gebiete begonnen hatte, entfaltete sich jetzt aus zartem 
Keim zu lebensvoller Blüthe. Reiche Mittelgründe mit Bäumen und 
Sträuchern, mannichfach abgestuftes Hügelterrain bis zu den fernen 
Gebirgszügen gemahnt an die lieblichen Landschaften Toscana's und 
bezeugt die poetisch gehobene Stimmung, mit welcher auch diese Spiegel- 
bilder der Wirklichkeit entworfen wurden. Dazu gesellt sich dann 
eine Vorliebe für architektonische Gründe, für luftige Säulenhallen, 
stattliche Kuppelbauten, Triumphbogen und was sonst die Begeisterung 
für das klassische Alterthum verlangte. Ueberall suchen die Maler 
Zeugniss davon abzulegen, wie lebhaft sie an dem neuen architektonischen 
Ideal Theil nehmen, zuerst noch in einer Vermischung mit den gothi- 
sehen Formen, bald aber mit völliger Ausstossung der letzten Reste 
mittelalterlicher Anschauung. Man schwelgt förmlich in dem Glücke, 
die Säulenordnungen der Alten, den reichen plastischen Schmuck, 
Ueberreste antiker Reliefs an Wänden, Altaren oder wo sonst irgend 
sich eine Gelegenheit bietet, anzuwenden. Als Hintergrund vollends 
einen schönen Kuppelbau oder auch ein paar römische Triumphbögen 
anzuordnen, ist ein Lieblingsgedanke der damaligen Kunst. Selbst 
Rafael hat in dem Kuppelbau seines Sposalizio noch dieser Sitte ge- 
huldigt. Keine Frage, dass diese Begeisterung für die Wirklichkeit 
und für das klassische Alterthum in den Schöpfungen dieser Epoche 
mit einer Ueberschwanglichkeit sich aussert, welche nicht selten eine 
Üeberfüllung herbeifuhrt, so dass Leo Battista Alberti, wahrscheinlich 
durch solche Wahrnehmungen veranlasst, ganz besonders das Maass- 
halten einschärft und in der lateinischen Redaction seines Traktats
        

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