Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266710
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Buch. 
Frührenaissance. 
liehen Bestrebungen, welche auf Ergründung der Linear- und der 
Luftperspective, der Optik überhaupt, des Gesetzes der Verkürzungen 
gerichtet sind. Bei manchen Künstlern erkennt man deutlich, dass 
sie geflissentlich Themata aufsuchen, welche ihnen die Darlegung ihrer 
Kenntnisse der Verkürzung, der Perspective gestatten; so vor Allem 
Paolo Uccello, Melozzo da Forli, Mantegna. Auch das Studium des 
Nackten wird zum besonderen Gegenstand des Wetteifers; welche ganz 
neue Physiognomie erlangt die Darstellung der letzten Dinge, der 
Auferstehung und des jüngsten Gerichts unter den Händen eines Signe- 
relli, der seiner unerschöpflichen Lust an Schilderung der menschlichen 
Gestalt in solchen Werken mit Wonne den Zügel schiessen lasst. 
Bringt doch selbst Michelangelo noch auf seinem Madonnenbilde in 
den Üflizien eine Anzahl nackter Figuren im Hintergründe an, bloss 
um seine Kenntniss des menschlichen Körpers zu beweisen und seiner 
Freude an solchen Darstellungen zu genügen. Bei Scenen aus dem 
Jugendleben Christi oder der Madonna, oder auch bei legendarischen 
Stoffen überlässt man sich mit besonderer Lust dem Hange nach 
Schilderung der Wirklichkeit, und so werden denn die Vorgänge der 
heiligen Geschichte in die unmittelbare Gegenwart gerückt, indem die 
würdigen Männer und die anmuthigen Frauen und Jungfrauen des 
damaligen Italien wie ein theilnehmender Chor von Zuschauern der 
Handlung beiwohnen. Bei Domenico Ghirlandajo namentlich weiss diese 
Lust an der bunten llliannigfaltigkeit der Welt sich kaum zu erschöpfen. 
Benozzo Gozzoli führt selbst bei seinen Geschichten des alten Testa- 
ments die Florentiner seiner Zeit als Zuschauer ein. Auch dafür frei- 
lich hatte Giotto den ersten Anstoss gegeben. 
Wenn diese Richtung, welche ideale Gestalten mit denen der 
umgebenden Wirklichkeit in unmittelbare Verbindung setzte, sich 
meistens auf einer Höhe hielt, wo der Realismus eine Läuterung zu 
edler Formvollendung gewinnt, so verdankte sie dies einerseits dem 
hohen Sinn der Künstler, sodann aber auch der feinen Bildung, die 
über das damalige Italien, namentlich über Florenz ausgegossen war 
und den Zeitformen den Charakter künstlerischer Anmuth aufprägte. 
Das hoch entwickelte, in der Kultur der aufblühenden Renaissance 
herangewachsene Geschlecht der damaligen Italiener ist durch edle 
Naturanlage und humane Bildung Weit überlegen den derben, unschönen 
Gestalten des nordischen Spiessbürgerthums, welche wir auf den Werken 
der deutschen Künstler jener Zeit linden. Vor Allem aber hatte die 
Nation schon seit Cimabue sich daran gewöhnt, dem künstlerischen
        

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