Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266701
Kapitel. 
Die Kultur 
der 
italienischen Frührenaissance. 
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dem Gebiet antiker Geschichte und Mythologie an sie heran, und auch 
diese werden dann oft noch Völlig phantastisch und romantisch be- 
handelt, wie z. B. das naive Bildchen des Parisl-aubes von Benozzo 
Gozzoli in der Nationalgalerie zu London. Weit überwiegend ist 
während des ganzen 15. Jahrhunderts in beiden Künsten die Anzahl 
der kirchlichen Aufgaben; aber in Behandlung derselben ist nur Selten 
ein speciiisch kirchlicher Sinn zu spüren, und Naturen wie Fra Gio- 
vanni da Fiesole gehören zu den Ausnahmen der Zeit. Der Nach- 
druck der Darstellung und das Inteitesse der Künstler liegen fast aus- 
schliesslich auf dem künstlerischen Problem an sich, auf der 1'ein 
naturalistischen Seite, die der ganzen Richtung der Zeit entgegen kam. 
Wenn bei alledem der extreme Realismus nur vereinzelt sich geltend 
macht, wenn Anmuth und Holdseligkeit sich oft so rein aussprechen 
wie bei Luca della Robbia und den Seinigen, so ist das der stärkste 
Beweis für den tiefen Schönheitssinn, der dem italienischen Volksgeist 
innewohnt. 
Den vollen Eindruck der Zeitströmung gewinnen wir aber erst 
in der Malerei. Ihr waren seit der altehristlichen Epoche mit Noth- 
wendigkeit die bedeutendsten Aufgaben zugefallen; sie zog aus der 
Befreiung des Individuums und dem naturalistischen Streben den grössten 
Vortheil. Obwohl auch ihr meistentheils kirchliche Themata gestellt 
werden in Altarbildern und weiträumigen Fresken für Kapellen, Sakri- 
steien, Kapitelsäle, so bleibt doch ein weltlicher Gedankengang und 
eine naturalistische Wiedergabe der Wirklichkeit dabei ihr Hauptziel. 
Die ganze Welt der Erscheinungen, vor Allem das Menschenleben in 
seiner inneren und ausseren Bewegtheit, von landschaftlicher oder 
architektonischer Umgebung eingefasst, ist ihr Gegenstand. Giotto 
hatte diesen Weg schon betreten, aber noch mit unzureichenden 
Kräften, mit der mangelhaften Naturerkenntniss seiner Zeit. Seine 
Werke verrathen nur ein geniales Ahnen, kein Verstehen der Natur. 
Aber die Sehnsucht nach einem tieferen Erfassen des menschlichen 
Organismus blieb fortan der Malerei eigen. Am Vorgange der Plastik, 
die zuerst dieses eindringende Studium nach den Mustern der antiken 
Kunst sich zu eigen machte, entzündete sich ein Wettstreit auch für 
die Malerei. Sie gewinnt dadurch eine plastische Richtung, die ihr 
während der ganzen Dauer der italienischen Renaissance als Grundlage 
verbleibt. Leo Battista Alberti ermahnt in seinem Traktat die Künstler, 
nicht bloss die äussere Erscheinung sich einzupragen, sondern auch 
nach dem Skelett zu zeichnen. Dazu kommen alle jene wissenschaft-
        

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