Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266623
Kapitel. 
Die Kultur 
italienischen 
Frührenaissance. 
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der sich im Leben, in der Literatur und Kunst bemerklich macht. 
Mit dem Augenblick, wo die Kulturpflege aus den Mauern der Klöster 
in die freien Städte, aus den Händen der Geistlichkeit in die der Laien 
übergeht, tritt jene Wendung ein. Selbst in der gothischen Archi- 
tektur, die den höchsten kirchlichen Gedanken des Mittelalters ver- 
körpert, beweist die Ornamentik die erste Rückkehr zur sinnigen 
Naturbetrachtung. Denn an die Stelle des seit Jahrhunderten wieder- 
holten conventionellen Blattwerks, das sich aus dem Byzantinismus als 
letzter Nachklang des griechischen Akanthus vererbt hatte, tritt die 
liebevolle Nachbildung der heimischen Pflanzen- und Blumenwelt, so 
dass die ersten Herbarien, gleichsam in Stein gehauen, an den Kirchen 
des 13. und 14; Jahrhunderts prangen. Denselben Natursinn finden 
wir dann in den Liedern unsrer Minnesänger, in Italien aber am ent- 
scheidendsten bei Dante. Üeberraschend ist die Fülle und Schärfe der 
Naturbetrachtung des grossen Dichters; ja man darf sagen: Natur- 
und Menschenleben hat in ihm zuerst einen liebevollen undßscharf- 
sichtigen Beobachter gefunden. Und genau dieselbe Richtung lässt 
sich bei Giotto erkennen, der darin wie in der ganzen Geistesart dem 
Dichter der Divina Gommedia innerlich verwandt erscheint. 
Petrarca zeigt sich auch hierin wieder als der erste völlig moderne 
Mensch, denn bei ihm wird die Naturbetrachtung sogar schon zur 
subjectiven Schwärmerei. Berühmt ist sein poetisches Einsiedlerleben 
im anmuthigen Thal von Vaucluse, berühmter noch die Besteigung des 
Mont Ventoux bei Avignon. Es ist wohl die erste in blosser Absicht 
auf Naturgenuss unternommene Bergbesteigung der modernen Zeit, 
obwohl auch darin Dante ihm schon voraufgegangen war. Man em- 
pfindet deutlich die leidenschaftliche Sehnsucht des Jahrhunderte hin- 
durch im Banne klösterlicher und städtischer Mauern festgehaltenen 
Menschen nach dem befreienden Luftzug erhabener Gebirgswelt. Rüh- 
rend ist die Schilderung, wie der Dichter, nur von seinem Bruder 
begleitet, trotz aller Abmahnung eines alten Hirten die unwegsame 
Wanderung unter grossen Mühen bis auf den Gipfel fortsetzt. Wie 
er diesen dann erreicht hat, wirkt die unermessliche Aussicht auf ihn 
so, dass er, vollends durch eine Stelle aus dem h. Augustinus bestärkt, 
in sich einkehrt, seinen Lebenslauf überdenkt und neue Kraft zur 
Vollführung seiner geistigen Mission daraus schöpft. Zur vollen Natur- 
schwärmerei wird dies Gefühl bei Aeneas Sylvius, der in seinen Schriften 
die lieblichen Thalgründe und Hügelketten seiner sienesischen Heimath, 
das zaubervolle Panorama vom Monte Cavo, das bis zum Vorgebirge
        

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