Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266530
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Buch. 
Die Frührenaissance. 
die Klosterbibliothek in einem offenen Raume, der weder durch Thüre 
noch Schloss geschützt war, die Codices in wilder Unordnung und 
durch arge Verstümmelungen verletzt. In ähnlicher Verfassung traf 
Poggio die berühmte Bibliothek von St. Gallen: die Bücher lagen in 
einem dunklen Thurmzimmer wüst unter Staub und Schutt durch ein- 
ander. Wenn das in den angesehensten, ehemals durch Wissenschaft 
hervorragenden Klöstern der Fall war, wie mochte es dann an anderen 
Orten aussehen! Die Manuscripte, welche der Fleiss der Mönche des 
9., 10. und 11. Jahrhunderts sorgsam hergestellt hatte, waren in den 
späteren Zeiten oft auf roheste Weise zerstört oder verstümmelt worden. 
Ganze Pergamentlagen fehlten oder Wurden benutzt, um mit abge- 
schmackten Legenden, Wundergeschichten und andern Erzeugnissen 
mittelalterlicher Geistesöde die Werke der erleuchtetsten Autoren des 
Alterthums zu bedecken. Wie oft hat man selbst in unseren Zeiten 
noch aus solchen Palimpsesten die ursprünglichen Denkmale wieder 
an's Licht gezogen! Hatte man nun unter Moder und Staub glücklich 
einen alten Klassiker entdeckt, so galt es mit List und Ueberredung 
ihn entweder zu entführen, oder wo dies nicht anging, ihn selbst zu 
kopiren. S0 schrieb Poggio in 32 Tagen unablässiger Arbeit den 
Quinctilian, ab , den er in St. Gallen zu finden so glücklich gewesen 
War. Auch den Vitruv soll er ebendort wieder entdeckt haben._ Ün- 
ausgesetzt war er bemüht, seine Nachforschungen selbst auf die fernsten 
Länder auszudehnen; liess er doch selbst in Portugal und Dänemark 
nach alten Autoren suchen.  
Die neuen Funde theilte man sich dann gegenseitig durch Ab- 
schriften mit; es entstand ein Vergleichen der Handschriften, eine 
Textkritik, durch deren mühsames Arbeiten uns die Klassiker erst in 
lesbarer Form wiedergeboren sind. Die antiken Autoren kennen zu 
lernen und zu besitzen, war die grösste Leidenschaft des Jahrhunderts; 
ihr brachte man jedes Üpfen- Beccadelli zahlte dem Poggio für einen 
Livius 120 Zecchinen und verkaufte ein Landgütchen, um sich diese 
Summe zu verschaffen. Niccoli hatte, wie wir gesehen, seine eigne 
ansehnliche Bibliothek grösstentheils durch eigenhandiges Abschreiben 
gewonnen. Cosimo Medici übernahm nach dem Testament des Besitzers 
diese Sammlung und wendete 36,000 Zecchinen auf, um im Kloster von 
S. Marco sie als öffentliche Bibliothek einrichten zu lassen. Um sie 
zu vermehren, liess er bedeutende Ankäufe an verschiedenen 011811 
machen und bestellte Tommaso Parentucelli, der später als Nicolaus V. 
den päpstlichen Stuhl bestieg, zum Bibliothekar. Als Cosimo die von
        

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