Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266512
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Buch. 
Frührenaissance. 
Die 
aber ein Bruch des guten Einvernehmens, dann hinderte kein Scham- 
gefühl den Speiehellecker, seine Lobsprüehe in die giftigsten Verläum- 
dungen umzukehren. Trotzdem stand die ganze Zeit so völlig unter 
dem Zauber des Humanismus, dass auch seine unwürdigsten Vertreter 
von_ den erlauchtesten Fürsten umworben und zu dauerndem Aufent- 
halt an den Hof berufen wurden. 
Dies ohne Frage ist die tiefste Schattenseite im Bilde des 
italienischen Humanismus, weil hier die Charakterlosigkeit bis zur 
Ruchlosigkeit sich steigert. Dagegen dürfen wir die so oft gebrand- 
markte Obscönität mancher literarischen Produkte nicht so hart beur- 
theilen, wie es gemeiniglich geschieht. Vergessen wir vor Allem nicht 
den derberen Charakter jener Zeiten, die noch nicht die heutige 
sittliche Verfeinerung, auch noch nicht die heutige Prüderie kannten. 
Alles war natürlicher, und vollends im Süden wurden, wie heute noch, 
die natürlichsten Dinge mit einer Offenheit behandelt, die uns Modernen 
als Cynismus erscheint. Sollen wir an die Derbheiten Shakespeares, 
an Brantöme und die hochgebildete Schwester Franz I. , Margarethe 
von Navarra, an so manche andere Erscheinung erinnern? Vollends 
bei südlichen Nationen ist ein Hang zu keckem frivolem Spiel mit den 
sittlichen Gewalten stets vorherrschend gewesen; wenn aber die In- 
vectiven, Satiren, Epigramme, Facetien der italienischen Humanisten oft 
das Lascivste und Obscönste nicht scheuen, so haben wir dies um so 
mehr als  freilich sehr übermüthiges Spiel des Geistes und der Laune 
aufzufassen, als diese Dinge in einer Sprache geschrieben wurden, die 
damals nur den Gelehrten und wenigen Hochgebildeten zugänglich war. 
Oeflentliches Aergerniss wurde also nicht dadurch gegeben, verderb- 
licher entsittlichender Einfluss auf die Massen, namentlich auf die Jugend 
war davon nicht zu befürchten. Warnt doch der freche Beccadelli im 
Eingange seines Hermaphroditus die ehrbaren Matronen und die züch- 
tigen Jungfrauen, dem Buche fern zu bleiben! Die Kirche selbst ver- 
hielt sieh dagegen passiv, denn es hing bei ihr von jeher mit der 
Werkheiligkeit zusammen, dass sie den Gesinnungen wenig nachforschte, 
wenn nur die äusseren Gebräuche beachtet und das kirchliche Decorum 
gewahrt wurde. Wohl erhoben die Mönche einen Sturm gegen den 
Hermaphroditus und verbrannten jedes Exemplar, dessen sie habhaft 
werden konnten; aber es fragt sich, 0b dieser Eifer gegen gewisse 
Werke der Humanisten nicht vielmehr dem Umstande entsprang, dass 
meistens in denselben die Laster der Klostergeistlichkeit die Zielscheibß 
des Spottes bildeten. 
        

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