Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266505
I. Kapitel. 
Kultur 
Die 
Frührenaissance. 
der italienischen 
233 
Jahre als Sekretär an der päpstlichen Kurie angestellt War. Er und 
seine Gesinnungsgenossen versammelten sich Abends in einem Gemach 
des Vatikans, dem sie den schönen Namen des Bugiale (der Lügen- 
fabrik) gaben; hier erheiterten sie sich durch Erzählen skandalöser 
Klatschgeschichten und lasciver Anekdoten, und dieselbe Hand, welche 
am Tage sich zur Abfassung feierlicher Breves und Bullen bergab, 
scheute sich nicht, solche Unsittlichkeiten in den Facetien niederzu- 
legen und zu veröffentlichen. Wo möglich noch schamloser war Filelfo, 
der in seinen Satiren und Mailandischen Gastmählern ebenfalls im 
Obscönen sich mit Lust erging, gleichwohl nicht bloss an den Höfen 
zu Mailand und Neapel mit grossen Ehren aufgenommen ward, sich 
der Gunst Papst Nicolaus des Fünften erfreute, sondern auch als an- 
gesehener Lehrer nach Florenz berufen wurde. Auch Beccadelli ge- 
hört in diese Reihe, dessen unzüchtiger "Hermaphroditus" sogar in 
den geistreichen Cirkeln am Hofe von Neapel zu allgemeinem Ergötzen 
vorgelesen wurde. Nicht minder lasciv sind die Liebesbriefe und die 
schlüpfrige Novelle Euryalus und Lucrezia von Eneas Sylvius Picco- 
lomini, der nachmals als Pius H. den Stuhl des Statthalters Christi 
bestieg. 
Und doch: schlimmer als diese Obscönitäten sind die Invectiven 
dieser literarischen Freibeuter, mit welchen nicht nur der Eine den 
Andern durch die schnöden Anschuldigungen ruchlosester Laster zu 
brandmarken suchte, sondern mit welchen sie als wegelagernde Busch- 
klepper jeden ehrlichen Mann besudelten, der sich nicht zu einem Geld- 
opfer entschliessen mochte. Sie waren aber so gefürchtet wegen der Ge- 
wandtheit und Gewissenlosigkeit ihrer Feder, dass Jedermann, dass selbst 
die gebildetsten und mächtigsten Fürsten sich durch freigebige Spenden 
ihrer zu versichern suchten. Dazu kam noch etwas Andres. Hatte 
der fromme Christ des Mittelalters Auferstehung des Fleisches in einem 
besseren Jenseits gehofft, so blieb zwar von diesen christlichen Ueber- 
zeugungen Manches auch jetzt in Kraft: aber weit mächtiger war in 
 den Menschen der Renaissance die Sehnsucht nach Ruhm,unach Un- 
sterblichkeit des Namens. Diese setzten sie selbst über die Unsterb- 
lichkeit der Seele. Die Literaten aber, und mit ihnen die ganze ge- 
bildete Welt, waren überzeugt, dass es in ihrer Hand allein liege, diese 
Unsterblichkeit zu verleihen. So erhoben sie denn überall von der 
Freigebigkeit der Fürsten, Vornehmen und Reichen eine Art von Un- 
sterblichkeitssteuer, für welche sie den Ruhm des zu Feiernden durch 
widerwartige Schmeicheleien bis in den Himmel erhoben. Entstand
        

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