Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1266448
Kapitel. 
Die Kultur der italienischen Frührenaissance. 
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Alpen alle Gebildeten durchdrang und von da aus allmählich auch die 
unteren Schichten der Bevölkerung erfasste. So Ward das National- 
gefühl von Anbeginn auf ein rein geistiges, hochideales Gebiet hin- 
gewiesen. J e weniger daneben die Zerklüftung des staatlichen Lebens 
den patriotischen Sinn befriedigte, desto tiefer grub sich die Sehnsucht 
nach jener klassischen Vorzeit, welche die lebhafte Phantasie in unver- 
gleichlichem Glanze durch das Dunkel der mittleren Zeiten herüber- 
leuchten sah, in die Gemüther ein. So musste denn der Drang nach 
Wiederbelebung des Alterthums zu einem überall unter der Asche 
glimmenden Feuer werden, das sich selbst in Rienzfs phantastischen 
Träumen zu erkennen giebt, und welchem endlich Petrarca zum Siege 
verhalf. Was in der rauhen Wirklichkeit des Lebens scheitern musste, 
erlebte seine Auferstehung im Reiche des Geistes. 
Kein Wunder daher, dass man sich den antiken Vorbildern so 
treu wie möglich anzuschliessen suchte, und dass man eine Literatur 
hervorrief, die freilich sich dem Verständniss des Volkes entzog und 
von Hause aus dem Grrundübel erlag, nur für einen kleinen Kreis der 
Gelehrten und Hochgebildeten bestimmt zu sein, Am üppigsten ge- 
deiht die Epistolographie, die nicht sowohl den eigentlichen Brief- 
eharakter vertraulicher Privatmittheilung tragt, als vielmehr nach dem 
Vorbilde Cicerds sententiös und reflektirend im Sinne jener etwas 
seichten römischen Moralphilosophie sich über allerlei rein akademische 
Themata, über Freundschaft, Liebe, Ruhm, über Standhaftigkeit im 
Unglück, über die Einsamkeit u. dgl. verbreitet. Der Reiz klassischer 
Einfachheit und Formvollendung wirkte als etwas völlig Neues so 
mächtig auf die Zeitgenossen, dass noch zu Petrarca's Lebzeiten man 
begierig nach diesen Lebensäusserungen des erlauchten Dichters und 
Weltweisen verlangte und sie durch Abschriften vervielfältigte. Das 
Streben, in ähnlicher Eleganz mit philosophischen Wendungen, mit 
Citaten klassischer Autoren, mit historischen und mythologischen An- 
spielungen zu schreiben, ergriff bald die gebildete Welt, die durch 
solche Briefwechsel sich wie zu einer Gelehrtenrepublik verbunden 
fühlte. Wieder nach dem Vorgangs Cicero's und Seneca's schrieb er 
sodann moralphilosophische Tractate, und auch die Geschichtschreibung 
suchte er im antiken Sinne neu zu beleben. Nach VirgiPs und Horaz' 
Vorbilde dichtete er Eklogen und poetische Episteln,  selbst zu einem 
Heldengedichte schwang er sich in der Africa auf, die immerhin das 
erste Kunstepos der neuen Zeit und die Vorläuferin des rasenden 
Roland und des befreiten Jerusalem ist.
        

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