Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263966
Kapitel. 
Altchristliche 
Epoche. 
Anders in der Malerei. Hier handelt es sich von vorn herein 
um den Schein, um die Abbreviatur der Wirklichkeit. Die Form ist 
nicht Selbstzweck, sie ist nur Symbol, nur Medium, für ein Innel-hchcs. 
Das individuelle Leben wird sich in ihr also mit besonderer Schärfß 
aussprechen. Das Eigne, Besondere, von der Regel Abweichende nicht 
bloss des aussercn Verhaltens, sondern des inneren Charakters und 
Empfindens kommt zu seinem Recht. Der Schmelz der Farbe, der 
Wechsel von Licht und Schatten, die fliegende Röthe und das Er- 
bleichen, diese feinen Merkzeichen, welche die Empfindung auf die 
Uberfiiiche treibt, sind nur in der Malerei wicderzugeben_ 
Der Schmerzensausdruck einer Niobc, eines Laokoon sind die 
Grenze dessen, was die griechische Plastik nach dieser Richtung er- 
reichen konnte. In der christlichen Malerei beginnt schon mit Giotto 
die Richtung auf energische Schilderung leidenschaftlicher Aifecte. 
Wenn dieselbe schon bei jenem grosscn Meister nicht selten sich bis 
zur Üebertreibung verirrt, so erträgt man dies in der Malerei weit 
eher als in der Plastik, und doch bezeugt schon Donatello, dass auch 
die christliche Skulptur sich dieser Hinneigung zum Aeussersten des 
Aifects nicht zu enthalten vermochte. Sie wurde damit malerisch und 
bewies auf's Stärkste die Herrschaft der Malerei in der christlichen 
Epoche, während umgekehrt bei den Griechen die Malerei das Gepräge 
der Plastik trug. Ebenso geben die Apostel in Lionard0's Abendmahl 
Beispiele der schärfsten aus Seelentiefen geschöpften individuellen Cha- 
rakteristik, neben welcher die Idealgestalten des Alterthums typisch 
und allgemein erscheinen.  
Unter den Völkern, welche gemeinsam nach dem Ziele rangen, 
die christliche Gedankenwelt in künstlerischen Gebilden zu verklären, 
fand eine unbewusste Theilung der Arbeit statt, welche dahin drängte, 
dass auf der Höhe des Mittelalters der Norden, vor Allem Frankreich, 
Deutschland und England in jenen grossartigen architektonischen 
Schöpfungen des gothischen Stils die Ideen zu verkörpern suchten, 
welche ahnungsvoll die Welt bewegten, Dort wurde alles künstlerische 
Vermögen der Architektur geopfert, die Skulptur war nur die Beglei- 
terin der Baukunst, und der Malerei blieb allein in den Fenstern ein 
zwar glänzender, aber innerlich unfreier Wirkungskreis. Als sich dann 
im Beginn der neuen Zeit durch die Handrische Schule eine höhere, 
selbständige Entfaltung für die Malerei anbahnte und von Deutschland 
ßüfgßlwmmeü und Weiter geführt wurde, war diese Isolirung, das völ- 
lige Loslösen vom architektonischen Boden, der Mangel einer grossen
        

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