Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263953
I. Buch. 
Mittelalter. 
Das 
Gebilde in voller Körperlichkeit bestimmt und klar vor Augen stellt. 
In diesen Werken hat der menschliche Geist seinen Einklang mit der 
Natur zur schönen Erscheinung gebracht; desshalb weht uns aus ihnen 
wie aus einem verlernen Paradiese der Hauch ungetrübter Harmonie 
entgegen, beruhigend, versöhnend, befreiend. 
Aber jener Einklang von Natur und Geist war eine glückliche 
Jugendtäusehung der Menschheit: schön und bezaubernd, auf die Lange 
jedoch vor dem schärfer in die Tiefe dringenden Bewusstsein nicht zu 
behaupten. Die griechische Philosophie selbst hatte skeptisch die Sonde 
angelegt und den Gegensatz deutlich erkannt; da trat das Christen- 
thum auf und brachte die alten dualistischen Lehren des Orients zur 
Geltung. Der christliche Gott als höchstes geistiges Prinzip hatte 
zwar die Welt erschaffen, aber in ihr zugleich das Böse, seinen Gegen- 
satz hervorgebracht; fortan Ward das Sinnliche als Feind des Sitt- 
lichen, die Natur als Gegensatz des Geistes erfasst. 
Das höchste geistige Prinzip in der Gottheit zur künstlerischen 
Darstellung zu bringen, war die Plastik nicht geeignet. Die Malerei 
trat an ihre Stelle. Sie verzichtet auf die Totalität der körperlichen 
Form und mit ihr auf den Versuch, dieselbe in absoluter Vollendung 
und Schönheit darzustellen. Aber Während sie Vieles aufgiebt, tauscht 
sie dafür Andres, nicht minder Wichtiges ein. Indem sie kraft der 
Mittel, welche Zeichnung, Farbe, Licht und Schatten ihr gewähren, 
nur den Schein der Gestalt auf die Fläche wirft, löst sie das Einzel- 
Wesen von seiner Isolirung, stellt dasselbe im Zusammenhang mit 
Andern und mit der umgebenden Natur hin und vermag die ganze 
Fülle geistiger Beziehungen des Menschenrlaseins, den ganzen Reich- 
thum des Naturlebens in allen seinen Erscheinungsformen zur Dar- 
stellung zu bringen. 
Strebt die Plastik nach der vollen Schönheit der naturgemäss 
durchgebildeten Form, sucht sie darin das Normale, Gesetzmässige, 
Allgemeingültige, das Typische, so giebt sie den Ausdruck, die Em- 
pfindung, das Besondere nur soweit dies mit jenem vertraglich ist. Die 
Reihe griechischer Göttergestalten zeigt uns Idealbildungen allgemeiner 
Gattungswesen. Selbst das Portrait in seiner schärferen individuellen 
Form kommt daneben nur in bedingter Weise zur Geltung, nirgends 
zu seinem vollen Recht. Musste doch überhaupt in der griechischen 
Plastik der- Ausdruck des Kopfes gedämpft und zurückgestimmt werden, 
um nicht mit seinem individuell geistigen Leben die Harmonie des 
Ganzen zu übertönen und aufzuheben.
        

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