Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1265927
Kapitel. 
Gothische 
Epoche. 
175 
die über ihr schwebende „Weisheit" in der Hand hält Aug jeder 
Waagsehaale neigt sich ein Engel heraus, der eine einen Verbrecher 
cnthauptend und einen knieenden Tugendhaften krönend, der andre 
zwei ebenfalls kniecnden Figuren Lanzen überreichend und Geld in ein 
rundes Gefäss legend.' Man kann nichts Steiferes und Unerfreulicheres 
sehen als diese Gruppe, so ausdrucksvoll auch die einzelnen Köpfe sind. 
Aber die Allegorie ist damit noch nicht erschöpft. Jene beiden Engel 
in den Waagschaalen sind, der eine mit einem rothen, der andre mit 
einem weissen Seile gegürtet, deren Enden herabhangen und von der 
linken Hand der auf einem tieferen Throne unter der Gerechtigkeit 
sitzenden Eintracht zusammen gefasst werden. Auf dem Schoosse hält 
sie einen grossen Hobel, mit welchem sie wahrscheinlich Alles in's 
Gleiche bringen soll. Nun geht der besagte Doppelstrick in die Hände 
der vierundzwanzig Regierungslnänner über, Welche prozessionsmässig 
paarweise von hier aus gegen den Thron der gewaltigen Herrscheriigur 
sich bewegen, in deren Rechten der Strick sein Ende findet. Man muss 
gestehen, dass selbst in jener Zeit, wo die Allegorie so hochgehalten 
wurde, diese Art von Symbolik etwas ausgesucht Abgeschmacktes hat. 
Jedenfalls hätte Giotto dergleichen in geistvollerer Weise gegeben. 
Schadlos halt sich indess der Künstler in den ungemein lebensvollen 
und individuell gehaltenen vierundzwanzig Rathsherren, die in Köpfen, 
Gebärden, Haltung und Tracht die grösste Mannigfaltigkeit zeigen. 
Noch mehr aber in der herrlichen Gestalt der Concordia, deren Kopf 
vornehme Majestät mit seelenvoller Anmuth in einer Weise verbindet, 
die im ganzen Mittelalter schwerlich ihres Gleichen hat. (Fig. 65.) Als 
habe der Künstler das Unzureichende seiner Symbolik gefühlt, fügte 
er überall den Figuren Verse bei, die in naiver Weise den Sinn der 
Darstellung erläutern.  
Auf der zweiten Wand sieht man die Folgen des guten Regiments. 
Der Blick fällt in das Innere einer Stadt, bei Welcher offenbar dem 
Künstler Siena vorschwebte. Wir sehen überall Frieden, Freude und 
Thältigkcit herrschen; überall schaffen fleissige Handwerker in ihren 
Werkstätten, und es fehlt nicht an dem fröhlichen Getümmel eines 
Hochzeitszuges, der zu Pferd und zu Fuss mit Rittern und Edelknaben, 
mit Possenreissern und einem Chor tanzender Jungfrauen sich durch 
die Strassen bewegt. Durch das offne Stadtthor fällt der Blick in 
eine hügelige Landschaft, in welche Jäger hinaus ziehen, wo man 
die Landleute und die Fischer bei ihrer Thätigkeit sieht, Lastwagen 
die Landstrassen beleben, Jünglinge sich im Armbrustschiessen üben
        

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