Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1265606
Kapitel. 
Gothische 
Epoche. 
147 
Tugenden. In einer zweiten Reihe unterhalb der ersten sieht man nun 
auf prächtigen gothischen Chorstühlen vierzehn weibliche Figuren sitzen, 
in welchen Wissenschaften, Künste und Tugenden personificirt sind. 
(Fig. 55.) Sie beginnen mit den sogenannten sieben freien Künsten 
des Mittelalters, an welche sich die drei Kardinaltugenden und die 
Disciplinen der Theologie und des Rechts schliessen. Diese Gestalten 
sind höchst lebendig und poetisch, von mannigfachem Ausdruck und 
einer in jener Zeit seltenen Holdseligkeit. Zu ihren Füssen wieder 
sitzt eine dritte Reihe von Männern, welche durch hervorragende Be- 
deutung in den einzelnen Gebieten jener Künste und Wissenschaften 
sich ausgezeichnet haben. Man kann sich nicht leicht etwas Trockneres 
denken, als das mönchisch scholastische Programm, welches hier vorlag. 
Um so grösser ist die Bedeutung des Künstlers, der diese Gestalten 
mit solcher Lebensfülle auszustatten wusste. Die machtvolle Tiefe 
der Charakteristik wird durch manche der Wirklichkeit abgelauschte 
Züge unterstützt, die gleichwohl nirgends in's Kleinliche fallen. Ange- 
sichts dieser Gestaltenreihen sieht man, auf welchem Wege der Stil 
dieser Schule zu einer höheren Belebung, zu freierem Naturgefühl sich 
erheben sollte. Das tiefe grübelnde Versunkensein, die scharf ge- 
spannte Aufmerksamkeit, die stille Sammlung des Mannes wissenschaft- 
licher Arbeit, die feierliche Haltung des Lehrenden wechseln mit 
einzelnen mehr genrehaften Motiven, wie Tubalcain, der auf dem 
Ambos schmiedet, oder wie jener die Feder Spitzende, oder der daneben 
die seinige aufmerksam Prüfende. 
Der Tiefsinn in der Composition des ganzen grossen Cyclus ver- 
langte in dem Gewölbefeld über dieser Seite die Darstellung der Aus- 
giessung des h. Geistes, so dass der h. Thomas und mit ihm der ganze 
Dominikanerorden als die eigentlichen Erben der göttlichen Weisheit 
bezeichnet werden. Ebenso sinnreich war, wie wir sahen, auf der 
entgegengesetzten Seite die Darstellung des Schiffes Petri ein Symbol 
für den mächtigen Schutz und Beistand, den die Kirche vom Domini- 
kanerorden empfängt. Mit derselben Consequenz zeigt das Gewölbe 
über den Darstellungen aus dem Leben des h. Dominikus die Himmel- 
fahrt Christi wiederum als ein Vorbild des unter die Heiligen des 
Himmels versetzten Ordensstifters, lund endlich gehörte der vierten 
Gewölbkappe die Auferstehung Christi als nothwendiger Abschluss zu 
den an der betreffenden Wand geschilderten Scenen der Passion. Dieser 
grossartige Gedankengang, die mächtige Consequenz des Ganzen trägt 
wesentlich bei zu dem feierlichen Eindruck, den dieser edle Raum wie
        

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