Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1265436
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Buch. 
Mittelalter. 
Das 
Nach Dante's schöner Schilderung war dies verachtete Weib einst mit 
Christus vermählt, blieb dann aber über 1100 Jahre ohne Freier, bis 
der h. Franziskus kam und sie erwählte. S0 sehen wir denn auf dem 
Bilde Christus selbst den Heiligen mit seiner Verlobten zusammen- 
geben. Sie steht als ein zerlumptes hageres Weib mit allen Zeichen 
der Dürftigkeit und des Elends da und scheint fast erschrocken, wie 
Christus ihre Rechte nimmt, um sie mit dem h. Franz zusammen zu 
geben. Dornen umwuchern ihre nackten Füsse, lassen aber über ihrem 
Haupte einen herrlichen Rosenbusch sich blühend entfalten. Der sechs- 
eckige Nimbus, der ihren Kopf umgiebt, verleiht der Gestalt ein noch 
seltsameres Gepräge. Zwei Kinder werfen mit Steinen und schlagen 
mit Stecken nach ihr, ein Hund bellt sie an: dasselbe Motiv, welches 
Giotto schon in der Cberkirche bei der F ranziskuslegende verbrachte. 
Um den Nachdruck noch mehr auf diese Hauptfigur zu legen, ist der 
Künstler von dem Gesetz symmetrischen Aufbaues abgewichen und 
hat sie, anstatt Christus, in die Mitte der Composition gestellt. Herrliche 
Engelschaaren nahen von beiden Seiten und heben mit ihrer Schönheit 
die verkümmerte Gestalt noch mehr heraus. Der Glaube reicht ihr 
den Ring, die Liebe zeigt ihr das Herz. Üeber ihr schweben Engel, 
der eine mit einem Mantel, der andre mit einem Klostermodell. Noch 
deutlicher bezeichnet der Künstler den Gedanken des Bildes durch 
die beiden Gruppen rechts und links im Vordergrunde des Bildes: 
links gibt ein mitleidiger Jüngling, durch einen schönen Engel ge- 
leitet, einem armen Alten seinen Mantel; rechts sucht ein Engel einen 
vornehmen Jüngling auf das Vorbild des Franziskus hinzuweisen, während 
neben ihm ein Kleriker krampfhaft seinen Geldbeutel an sich drückt, 
vergebens durch einen hinter ihm stehenden Mönch zur Milde ermahnt. 
S0 geht ein einziger Grundgedanke durch das ganze Bild, alle Einzel- 
heiten verknüpfend, das Ganze zu eigenthümlich poetischer Wirkung 
steigernd. 
Nicht von gleicher Poesie des Inhalts ist der Gehorsam, weil 
hier nicht mit ähnlich zwingender Kraft der Grundgedanke künstlerisch 
zu versinnlichen war. (Fig. 51.) Man sieht eine oifne Halle, in welcher 
drei Figuren thronen, in der Mitte der Gehorsam, der gegen einen 
knieenden Ordensbruder zum Zeichen des Schweigens den Finger an 
die Lippe legt, während er mit der andern Hand ihm ein Joch über 
den Kopf wirft. Zur Linken kniet die Humilitas, in der Rechten eine 
brennende Fackel haltend, mit einem schönen Ausdruck der Demuth; 
auf der andern Seite die Prudentia (Klugheit oder Vorsicht), mit dop-
        

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