Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1265232
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Buch. 
Das Mittelalter. 
die Bewegungen der ganzen Gestalt, besonders die Hände von einer 
solchen sprechenden Lebendigkeit und Wahrheit, dass sie den Üompo- 
sitionen meistens das Gepräge dramatischen Lebens verleihen. Dabei 
ist Alles in Zeichnung und Modellirung nur in grossen Zügen an- 
gedeutet, mehr i-m Allgemeinen mit wunderbarem Instinkt dem Leben 
abgelauscht als durch strenges tief eindringendes Naturstudium durch- 
gebildet. Es ist eine Kunst, die nirgends auf sinnlichen Reiz ausgeht, 
dafür aber in der mächtigen Betonung des Wesentlichen stets den 
Gegenstand direkt in's Herz trifft und für Schilderung dramatischer 
Handlung wie für Entwicklung tiefer Gedankeukreise im höchsten 
Grade sich eignet. Im Zusammenhange damit steht die noch sehr 
mangelhafte Linearperspektive; denn von Luftperspektive ist überhaupt 
noch gar nicht zu reden. Noch fehlt es an der Erkenntniss von der 
Nothwendigkeit eines bestimmten Abstands- und Augenpunktes, und 
die viel zu kleinen Gebäude, welche oft den Hintergrund bilden, sind 
weder perspektivisch richtig gezeichnet, noch im entsprechenden Ver- 
hältniss zu den menschlichen Figuren. Sie sind mehr symbolisch an- 
deutend als real gemeint. Ebenso verhält es sich mit der Landschaft; 
doch bietet sie in ihrem Zusammenhange mit den Figuren einen grossen 
Fortschritt gegen den starren Goldgrund der Byzantiner. Was endlich 
die Malweise Giotto's betrifft, so hat er nach dem Vorgange Cimabue's 
an Stelle der dunklen byzantinischen Töne, welche schon Jener in's 
Lichtere umzuwandeln suchte, ein klares helles Kolorit gewählt, das 
ebenfalls nicht den Anspruch macht auf naturalistische Durchführung, 
sondern nur andeutend wirken will. Das eigentliche Fresko hat Giotto 
noch nicht gekannt, vielmehr die auf dem nassen Grund ausgeführten 
Gemälde durch Üebermalung al secco erst vollendet. Statt des dunklen 
grünlich-grauen Tones der Untermalung, welchen die Byzantiner liebten, 
hat Giotto ein helleres grünliches Grau gewählt. Die Fleischpartieen 
sind durch warme Lasuren in rosigen transparenten Tinten übergangen, 
die grünlichgrauen Schatten gehen durch warmröthliche Halbtöne in 
die Lichter über, die mit breitem Pinsel aufgesetzt sind, so dass die 
Gestalten plastische Fülle und Rundung erhalten. Der Gesammt- 
charakter seiner Gemälde ist klar, warm und licht, auch hierin mehr 
eine ideale Andeutung als naturalistische Ausführung erstrebend. 
 Gehen wir näher auf die Betrachtung des Einzelnen ein , so ist 
mit dem frühesten Cyclus, der Franziskus-Legende in der Oberkirche 
zu Assisi zu beginnen. Hier tritt uns Giotto als ein noch jugendlich 
Unfertiger, Suchender entgegen, der sich erst allmählich aus dem
        

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