Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1265216
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Buch. 
Das 
Mittelalter. 
leibt, greift er tief hinein in Natur und Menschenleben, um dieselben 
neu zu beseelen. So sehr ist ihm Ausdruck, Empfindung, Leidenschaft 
um jeden Preis einziges Ziel seiner Kunst, dass er sich um Schönheit 
wenig kümmert,  im Affekt nicht selten bis an die Grenze des 
Hasslichen, bis zur Grimasse sich verirrt. Dies sind Schwächen 
seiner Kunst, die so tief mit ihren Vorzügen verschwistert sind, dass 
man bei genauerem Eindringen sie kaum noch bemerkt. Denn so 
erfüllt ist seine Darstellung von Leben, Wahrheit und Charakter, dass 
sie Wie im Üeberschuss von Kraft überströmt und trotz der herben 
Form hinreissend wirkt. In seinen Compositionen geschieht Alles so 
zwanglos und natürlich, als ob greifbare Wirklichkeit uns vor Augen 
Stände. Er hat daher keine müssigen Fiillfiguren, denn selbst die 
unscheinbarste Nebengestalt steht unter dem zwingenden Banne des 
Geschehens und spiegelt, selbst nur zuschauend, die "Handlung. Für 
solche Figuren meist volksthümlicher Art wendet er gern die Tracht 
der Zeit an, und er ist der erste, der dies neue Element in die Dar- 
stellung eingeführt hat. Im Üebrigcn erscheinen seine heiligen Ge- 
stalten in den feierlichen Idealgewändern, welche seit der Antike als 
unverausserliches Erbtheil für den Ausdruck kirchlicher Würde in die 
christliche Kunst eingedrungen waren. Aber er läutert die Gewandung 
von der Unzahl kleinlicher Falten, sowie von den prunkenden Orna- 
menten, mit welchen byzantinische Zierlust dieselben überladen hatte. 
Vor allem erhalten dadurch die Gestalten ein volles plastisches Leben, 
worin sich ohne Frage die Einflüsse der Bildnerei jener Zeit, nament- 
lich des Giovanni Pisano, zu erkennen geben. Auch darin verräth 
sich die Nachwirkung der Plastik, dass bei Giotto die Gewänder nach 
unten geradlinig abschliessen, als wäre jede Figur einzeln vom Bild- 
hauer hingestellt. Darin ist noch ein Rest von Befangenheit zu er- 
kennen, die seltsam contrastirt gegen das freie, selbst dramatische 
Leben der Gestalten. S0 gewinnen die Gewänder einen einfachen 
grossen Faltenwurf, der mit seinen klar hinfliessenden Motiven zum 
ersten Mal wieder den Organismus und die Bewegungen des Körpers 
ausklingen lässt. Aber auch hierin beschränkt er sich auf das Wesent- 
liche und ist weit entfernt davon, in realistischer Weise die Besonder- 
heit verschiedener Stoffe wiedergeben zu wollen. Seine Gewandung 
ist daher eine im höchsten Sinne ideale, die nur dem geistigen Aus- 
druck dient. 
Nicht minder schlicht, nur auf das Wesentliche 
Zeichnung seiner Köpfe (Fig. 40). Auch hier geht 
gerichtet ist die 
er weit weniger
        

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