Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1264921
Kapitel. 
Byzantinisch-Homanische 
Epoche. 
91 
zu hervorragender Bedeutung kommen, ist es die Temperamalerei, 
welche mit ihren zähen Bindemitteln eine zierliche Sauberkeit des 
Vortrags mehr als ein freieres Entfalten der Form begünstigt. Aber 
neben der Tafelmalerei übt er in umfassender Weise die monumentale 
Wandmalerei, dasjenige Feld auf welchem die italienische Kunst ihre 
reichsten Lorbeeren pflücken, ihre höchsten Lebensäusserungen ent- 
falten sollte. Dass er ausserdem mit der musivischen Technik wohl- 
vertraut war, geht aus dem Umstand hervor, dass er in den letztgn 
Jahren des 13. Jahrhunderts zum Hauptmeister der Mosaiken am Dom 
zu Pisa ernannt wurde, wo er noch 1302 thätig war. Ebenso ist es 
gewiss, dass er nach Assisi berufen wurde, um an der Ausschmückung 
der Kirche des h. Franziskus, dieses Gesammtdcnkmals der italienischen 
Malerei des Mittelalters, Theil zu nehmen. Keine Frage also, dass 
seine Bedeutung weit über den Bezirk seiner Heimath hinaus anerkannt 
wurde. Ein Denkmal dieser Anerkennung hat ihm kein Geringerer 
als Dante in jenen Versen seiner divina Commedia gesetzt, WO es heisst, 
Cimabue sei zu seinen Zeiten der Erste in der Malerei gewesen, und 
nur durch Giotto sei später sein Ruhm verdunkelt worden. 
Das früheste der von ihm noch erhaltenen Bilder ist eine Altar- 
tafel, welche aus Sta. Trinitä in die Sammlung der Akademie ge- 
langte. Es stellt die thronende Madonna dar, das Christuskind auf 
dem Schoosse haltend, von acht Engeln umgeben, am Fusse die Halb- 
figuren von Propheten mit Spruchbandern in den Händen, welche Be- 
ziehungen auf die Geburt des Heilands enthalten. Grandios im Stil, 
aber noch in strenger Haltung trägt das Bild entschieden das byzan- 
tinische Gepräge, das sich auch in der conventionellen Neigung der 
meisten Köpfe und in dem zierlich reichen Faltenwurf ausspricht; aber 
im Christuskinde verräth sich schon das Streben nach einer gewissen 
oifnen Anmuth. Bedeutender und entwickelter ist eine zweite kolossale 
Madonna im rechten Querschiff von Sta. M ari a N0 vella. (Fig. 33.) 
Die Haltung ist minder gebunden, der sanft geneigte Kopf der Madßnna 
mit den grossen Augen, den geschwungenen Augenbraunen, der schmalen 
fein gezeichneten Nase zeugt von einem weicheren, individuelleren 
Lebensgefühl, das die byzantinische Form durchbricht; die schmal- 
sohultrige, wie in sich zusammengezogene Gestalt hat einen Ausdruck 
inniger Demuth, die fast unbehülflich erscheint, und ein rührender 
Zug von Natur und Empfindung verklärt die noch herbe Form. Das 
Christuskindchen auf ihrem Schooss, ganz vom Kinderröekchen ver- 
hüllt, hebt segnend die Rechte auf und erscheint nicht ganz frei von
        

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