Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Italienischen Malerei vom vierten bis ins sechzehnte Jahrhundert
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1263451
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1264851
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Buch, 
Das 
Mittelalter. 
helfen. Die naive Sinnlichkeit des südlichen Volkes, die ausdrucksvolle 
Empfänglichkeit für Form und Farbe, für den ganzen Reiz der Aussen- 
welt musste gerade hier zur Entfaltung der Malerei drängen. Aber 
noch war eine hemmende Schranke vorhanden, welche die Zeit noch 
nicht zu sprengen vermochte. Das Naturgefühl, durch die Ascetik des 
Mittelalters verpönt und unterdrückt, war noch nicht mächtig genug, 
sich zu befreien; und so verfällt auch in diesem Zeitraum die italie- 
nische Kunst abermals der Tradition des Byzantinismus. Aber doch 
in anderer Weise als vormals. 
Der Individualismus, der sich schon früh in einzelnen Künstler- 
namen ankündigt, war inzwischen mächtig erstarkt. Gerade in Italien 
früher und allgemeiner als anderswo. Es häufen sich an den Gebäuden 
dieser Epoche die rühmenden lnschriften, welche die ausführenden 
Meister vcrherrlichen und sie gern mit dem fabelhaften Dädalus ver- 
gleichen. In diesen hochklingenden Versen spricht sich das lebhafte 
Allgemeingefühl der Zeit aus: die ganze Stadt nimmt Theil an den 
Werken der Kunst, und die Bauverwaltung oder die städtische Behörde 
lässt es sich nicht nehmen, dem Meister das allgemeine Lob seiner 
Zeitgenossen in monumentalen Zeugnissen für die Nachwelt auszu- 
stellen. Nur aus einem solchen hohen monumentalen Ruhmsinn, aus 
solch gesteigertem Gefühl für die Bedeutung der schöpferischen Per- 
sönlichkeit erwächst die herrliche Blüthe der italienischen Kunst. Wir 
finden nun, indem wir aus dunkler Vorzeit in die helle Morgendäm- 
merung der Kunstgeschichte treten, eine Reihe von Persönlichkeiten, 
den grossen Bildhauer Niccolo Pisano an der Spitze, welche fortan 
selbständig ihren Weg gehen und der italienischen Kunst ihre Bahn 
anweisen. Damit hängt es zusammen, dass die byzantinische Ueber- 
lieferung jetzt allmählich mit neuem Lebensinhalt erfüllt wird, bis 
dieser die morsche Schaale sprengt und sich ein neues Kleid verschafft. 
Ebenso naturgemäss war es dann, dass die starre Technik des Mosaiks 
nur noch in vereinzelten Fällen vorkommt, und fortan die Empfindung 
des Künstlers unmittelbar durch eigene Pinselführung sich auf die 
Flächen ergiesst. Endlich gehört es zur Signatur dieser Epoche, dass 
Rom für lange Zeit aufhört, den Mittelpunkt des künstlerischen Lebens 
zu bilden, dass vielmehr fortan das Centrum der Bewegung nach Nor- 
den rückt, indem Toscana, und in erster Linie das mächtig aufstrebende 
Florenz die Führerschaft übernimmt. 
Die ersten Regungen eines neuen Lebensgefühls hatten wir schon 
an vereinzelten Werken, namentlich im Apsismosaik von S. Maria in
        

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