Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen
Person:
Waagen, Gustav Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1255893
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1258318
Epoche von 1500 bis 12 
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einer Art von NViderspruch. Er ist darin nicht allein ein entschie- 
dener Realist, es fehlt ihm nicht allein häußg am Gefühl für Schön- 
heit der Formen, die Züge seiner Köpfe haben, selbst bei den 
höchsten Aufgaben, wie die heilige Jungfrau, oft etwas Kleinliches, 
Enges und Verzwicktes, eine nothwendige Folge seiner engen, klein- 
lichen, oft selbst drückenden und peinlichen Lebensverhältnisse. Die 
nackten Körperformen haben häufig sogar etwas abschreckend Häss- 
liches. Auch ist die Wiedergabe der Formen, selbst bei Portraiten 
mehr geistreich und lebendig, als von feiner Naturwahrheit. Die. 
einzelnen Formen haben durch zu starke aus- und eingehende 
Schwingungen der-Contoure, häufig etwas Eckiges und Hartes. Der 
Wurf seiner Gewänder ist in der Regel in den Hanptmotiven von 
reinem, oft sogar höchst grossartigem Geschmack, sie werden indess- 
meist im Einzelnen durch viele kleine, scharfe, willkürliche Brüche 
gestört. Am wenigsten zu seinem Vortheil erscheint Dürer als Co- 
lorist. Es handelt sich bei ihm mehr um die Schönheit, als um 
die Wahrheit der einzelnen Farben. Eine besondere Vorliebe hat" 
er für den Gebrauch des ungebrochenen Ultramarins als Blau. Er 
gelangt daher fast nie in seinen Bildern zu einer feineren Harmonie 
der Farben, oder gar zu einer allgemeinen Haltung. In der Be- 
handlung herrscht selbst in solchen, wo mit den wohlimpastirten 
Farben in verschmolzener Weise modellirt wird, in den sehr be- 
stimmten Umrissen immer das Element des Zeichnens vor, sehr 
häufig aber sind vollends die Contoure breit und meisterlich hin- 
gesetzt, die Schatten schraffirt, und die Flächen nur mit Lasur- 
farben behandelt. Solche Bilder machen mehr den Eindruck von 
kolorirten Zeichnungen. 
Was aber in allen Werken Dürers, auch abgesehen von jenen 
grossen Eigenschaften, und trotz der erheblichen Mängel, den ge- 
bildeten Kunstfreund, am mächtigsten anzieht, ist, dass sie der treue 
Spiegel eines edlen, reinen, wahren, echt-deutschen Gemüths sind. 
Die Bewunderung aber wird noch bis zur Rührung gesteigert, wenn 
man bedenkt, unter welchen Lebensbedingungen eine so erstaun- 
liche Zahl geistreieher Erfindungen in das Leben getreten ist. Man 
möchte den herrlichen Künstler einem Baum vergleichen, welcher, 
wenn schon einem unwirthbaren Boden entsprossen, und mehr von 
Kälte und Sturm gequält, als von Sonne und Regen erquiekt, die 
ihm inne wohnende Tugend nicht verleugnend, zwar eine harte 
Rinde bekommt und manche Knorren und Höcker ansetzt, aber,
        

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