Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen
Person:
Waagen, Gustav Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1255893
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1257863
156 
III. 
Buch. 
Kapitel. 
Köpfen der Maria und mancher Heiligen wurde jener edle Typus, 
und jenes Gefühl jungfräulieher Seelenreinheit beibehalten, aber zu 
völligeren und naturgemässeren Formen ausgebildet. In manchen 
Köpfen trat sogar eine mehr portraitartige und durch dicke und 
starke Nasen keineswegs schöne und sich oft wiederholende Ge- 
Sichtsbildung ein. Die meist zu langen Verhältnisse des Körpers 
wurden naturwahrer, die einzelnen Formen richtiger und völliger, 
die Motive freier. In den Gewändern wurde die Wiedergabe des 
Stoffartigen, als Goldstoif, Sammet u. s. w., zwar aufgenommen, 
dagegen die scharfen, eckigen Brüche der Falten nur ausnahms- 
weise zugelassen. Waifen, Kronen und sonstiges Geräth wurde 
mehr individualisirt. In der Färbung wurde weder die Kraft, noch 
die Naturwahrheit der van Eyek, in der Ausführung weder die 
Modellirimg, noch die Wiedergabe aller Dinge bis zur kleinsten 
Einzelheit bestrebt. Indess sind die Farben, bei vielem Gefühl für 
harmonische Zusammenwirkung, kräftiger, die Hodellirilng stärker, 
der Vortrag weicher, als in der vorigen Epoche. Am wenigsten 
folgte man den Niederländern in der genauen Ausbildung der ganzen 
Räumlichkeit, sondern begnügte sich mit einer sehr allgemeinen 
Andeutung, ja für die Luft wurde meist der Goldgrund beibehalten. 
Vor Allem that sich in dieser Zeit in Deutschland die Schule 
von Köln hervor und erreichte in Stephan Lochnerl aus Konstanz, 
dessen spätere Blüthe von 1442-1451, seinem Todesjahr, fällt, die 
schönste Ausbildung ihrer Eigenthümlichkeit. Wenn es auch nicht 
zu erweisen, dass er ein Schüler des Meister Wilhelm ist, so hat er 
sich doch offenbar nach ihm gebildet. Dieses erhellt besonders aus 
seiner Maria im Rosenhag, ein kleines Bild im Stadtmuseum zu 
Köln, welches ich mit Hothoz für das frühste der von ihm auf uns 
gekommenen Werke halte. Man findet hier noch sehr viel von 
Meister Wilhelms Kunstform, so wie von dessen Gefühlsweise, nur 
ist Alles lebendiger und naturgemässer, und gerade in dieser Ver- 
bindung liegt der eigenthümliche Reiz dieses Bildchens, auf dem 
einige liebliche Engel dem Kinde Früchte reichen, andere musiciren, 
und das Ganze von wunderbarer Heiterkeit und Helle ist. 
Diesem möchte zunächst eine weit überlebensgrosse Maria 
1 So, und nicht Lothener, wie Merlo gelesen, heisst dieser Maler nach den 
urkundlichen Untersuchungen des I-Irn. Dr. Ennen in Köln. S. das Kölner Dom- 
blatt im December des Jahres 1857 und folgende Nrn.  2 Die Malerschule 
Huberts van Eyck. Th. I. S. 398.
        

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