Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen
Person:
Waagen, Gustav Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1255893
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1257480
118 
III. 
Buch. 
Kapitel. 
treßlich. In dem unteren Theile des Bildes zieht zunächst die 
kolossale Gestalt des, mit einem goldnen Harnisoh, wie er in der 
Zeit des Malers üblich gewesen, angethanen Erzengel Michael die Auf- 
merksamkeit auf sich. Der Ausdruck seiner Züge ist würdig und 
von tiefem Gefühl. Alles Obige ist indess in den Hauptsaohen tra- 
ditionell. Der Reichthum der Erfindungskraft des Künstlers kommt 
erst in vollem Maasse in der Mannigfaltigkeit und Wahrheit der 
Motive und des Ausdrucks der Beseligten und Verdammten, wie 
der Engel und Teufel, sowohl hier, als auf den Flügeln zur 
Geltung. Die feste Zuversicht der ersten wirkt ebenso beruhigend 
und wohlthuend auf den Beschauer, als der Ausdruck des Schre- 
ckens, der Reue, der Angst, der Verzweiflung der Verdammten 
ihn tief erschüttert, Der heilige Petrus, welcher die Beseligten im 
Vordergrunde des rechten Flügels empfängt, gehört in Ausdruck, 
Motiv, Gestalt und Gewandung zu den schönsten Figuren des 
Ganzen. In echt deutscher Weise ist die Himmelspforte als ein 
prachtvolles, gothisches Portal dargestellt, welches reich mit schönen, 
auf das alte und neue Testament bezüglichen Skulpturen geschmückt 
ist. Die Reinheit und Freudigkeit in den Engeln, welche die Ge- 
benedeiten empfangen und bekleiden, ist nicht minder gelungen 
ausgedrückt, als die Bosheit, die Tücke, die Schadenfreude in den, 
übrigens in menschlicher Gestalt ausgebildeten, Teufeln. Aus der 
auf dem Leichenstein einer Frau befindlichen Jahrszahl LXVU geht 
mit grosser Wahrscheinlichkeit hervor, dass die Beendigung dieses 
Werks in das Jahr 1467 fällt. Jedenfalls spricht die zu grosse 
Länge und die Magerkeit der nackten, übrigens mit bewunderungs- 
würdiger Meisterschaft gezeichneten, verkürzten und modellirten 
Figuren für eine etwas frühere Zeit des Meisters, indem auf seinen, 
nach den Jahreszahlen einer späteren Zeit angehörigen Bildern 
solche Uebelstände nicht mehr vorkommen. Dagegen steht dieses 
Bild in Rücksicht der Kraft und Klarheit der Färbung, worin hier 
besonders ein Einfluss des Dirk Stuerbout deutlich ist, der sich 
gleichmässig über alle Theile erstreckenden Gewissenhaftigkeitund 
Meisterschaft der Ausführung auf der vollsten Höhe des Meisters. 
Die Aussenseiten der Flügel, worauf, grau in grau, die stehende 
Maria mit dem bekleideten Kinde auf dem Arme, welches einen 
in ihrer Rechten befindlichen Vogel anfasst, und den Engel Michael 
im Kampf mit zwei Teufeln dargestellt sind, haben leider stark ge- 
litten. Auch hat der Engel in seinem Motiv: etwas von dem Con-
        

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