Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen
Person:
Waagen, Gustav Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1255893
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1257124
82 
Buch. 
Kapitel. 
Schatten des Steins mit ihren Reßexen, mit seltenster NVahrheit 
wiedergegeben, sondern auch in dem Haupthaar, im Felle des 
Täufers, mit Aufgeben der ihnen so geläufigen Naturwahrheit, die 
conventionelle Behandlung beobachtet, wie die Natur des Steins 
sie erforderte. Dasselbe gilt von den scharfen und wulstigen, die 
Bewegung der Gestalten so wenig wiedergebenden, Falten der Ge- 
wänder. Um die Wirkung der Statuen zu erreichen, ist auch der 
Vortrag des Pinsels breiter. Nur in den Köpfen tritt die Eigen- 
thiimlichkeit der Künstler wieder in ihrer ganzen Grösse auf. Der 
auf das Lamm in seiner Linken deutende Johannes der Täufer 
vereinigt mit einem edlen und würdigen Charakter eine grosse for- 
melle Schönheit, und das letzte gilt ebenso von den jugendlichen 
Zügen des milden und sanften Johannes dem Evangelisten, welcher 
ruhig auf das, imter der Kraft seines Segens sich ohnmächtig krüm- 
mende, aus seinem Kelche emporsteigende Ungethüm herabblickt. 
Leider war es dem Hubert van Eyck nicht vergönnt, dieses 
grossartige Werk in allen Theilen selbst auszuführen. Den 16. Sep- 
tember 1426 starb er und wurde in der Familiengruft der Vyts 
unter ihrer Kapelle in der Kathedrale bestattet. Nur auf Bitten 
des Bestellers, Judoeus Vyts, entschloss sich sein viel jüngerer 
Bruder und Schüler, Jan van Eyek," dasselbe in den noch fehlen- 
den Theilen zu beendigen, womit er bis zum 6. Mai des Jahrs 1432 
zu Stande kam. 1 Aus einer genauen Vergleichung aller Tafeln 
dieses Altars mit den, als von Jan van Eyck allein herrührend, 
sicher beglaubigten Bildern, ergibt sich, dass die folgenden 
Theile in Zeichnung, Färbung, Art des Faltenwurfs der Gewänder 
und Behandlung entschieden von ihm abweichen, mithin mit Siehe r- 
heit seinem Bruder Hubert beigemessen werden können. Von der 
inneren Seite der oberen Reihe: Gott Vater, Maria, Johannes der 
 
1 Alles dieses erhellt aus folgender, auf den Rahmen der Aussenseiten der! 
vier unteren Flügel befindlichen, gleichzeitigen Inschrift:  
Pictor Hubertus e Eyek, major quo nemo repertus, 
lncepit, pondusque Johannes arte, secundus 
Frater, perfecit. Judoci Vyd prece fretus  
VersV seXta. Mal Vos CoLLoCat aCta tVerJ.  
Aus dem letzten Verse, einem Chronostichon, ergibt sich jene Jahrszahl 1432. 
Diese höchst Wichtige Inschrift wurde im Jahr 1823 unter einer Ueberstrei- 
chung mit griiner Farbe entdeckt, die darin fehlenden, erstevranderthalb Worte 
der dritten Zelle über glücklich durch eine alte Abschrift, welche Louis de Bast 
in Belgien aufgefunden hatte, ergänzt. Ueber eine Verschiedenheit der Interpunk- 
tion in der zweiten Zeile, vergl. Carton, les trois freres van Eyck S. 57 ü". und 
meine Anzeige dieser Schrift im Deutschen Kunstblatt von 1849 N0. 16 und 17, 
und Hotho, die Schule von Hubert van Eyck Th. 2, S. 82.
        

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