Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1249499
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1249944
552 
Sechstes 
Buch. 
Abtheilung. 
Zweiter Abfchni 
Grade als fie aber huldigten die Schützengilden aller Städte der Sitte, ihre 
Führer, zu lebensgrofsen Gruppen vereinigt, von den erflen Künftlern malen 
zu laffen. Waren diefe Schützengilden doch auch in der That ein gutes Stück 
des auf feine Selbflvertheidigung bedachten Bürgerthums unter Waffen, und 
fpielten fie daher doch auch Wirklich im Leben der holländifchen Städte eine 
fo hervorragende Rolle, dafs man ihrem jeweiligen Officiercorps das Bedürfnifs, 
fich als folches noch von Enkeln und Urenkeln bewundern zu laffen, nachfühlen 
kann. Auf diefe Weife entftanden jene wSchützen (Doelen)- und Regentenliückeu 1), 
die unter diefem Namen beinahe die wichtigfte Klaffe aller holländifchen Figuren- 
bilder des I7. Jahrhunders ausmachen. Gehören doch nicht nur die berühmteften 
Bilder von Meiilern wie Frans Hals und Barth. van der Helft, fondern auch 
die am meiflen befprochenen Bilder Rembrandts felbft, feine vAnatomiea im 
Haag und feine xNachtwacher im Amfterdamer Reichsmufeum diefer Gruppe 
Mgicrlftlggie von Gemälden an! Dafs diefe oft gewaltig grofsen Bilder, an den Wänden der 
Bedwwng- Rathhäufer, Gildenhäufer und anderer mehr oder weniger öffentlicher Gebäude 
aufgehängt, zugleich als Wandfchmuck dienten, verfteht fich von felbfi; eine 
monumental decorative Aufgabe zu erfüllen, lag trotzdem nicht in ihrer Natur. 
Dafs fxe aber in der That die Bedeutung echter, grofser Gefchichtsbilder hatten und 
haben, wird Jeder zugeben, welcher die Culturgefchichte eines Volkes für einen 
mindeftens ebenfo Wichtigen Beftandtheil feiner allgemeinen Gefchichte hält, wie 
die Gefchichte feiner Kriege und feiner vHaupt- und Staatsactionenn. 
houääfche So angefehen, gewinnt auch das eigentliche holländifche Sittenbild des 
Sittenbild. I 7. Jahrhunderts neben feinem rein künitlerifchen ein hervorragend fittengefchicht- 
liches Intereffe; und die eigentlichen Sittenbilder, welche uns bald in die vor- 
nehmen Patrizierhäufer, bald in die Wohnungen des mittleren Bürgerltandes, 
bald in die Bauernftuben und in die Schenken, in denen {ich das niedere Volk 
verfammelt, führen, oder uns das bunte Leben auf den holländifchen Strafsen 
und Plätzen jener Tage vor Augen ftellen, immer aber zugleich treue, manch- 
 mal mehr gemüthlich, manchmal mehr farkaftifch gefärbte Spiegelbilder des 
holländifchen Privatlebens des I7. Jahrhunderts fmd, nehmen unter den Cabinets- 
  bildern in kleinem Mafse und mit kleinen Figuren in diefer Zeit diefelbe Stellung 
ein, wie jene wSchützen- und Regentenftüclzea unter den Daritellungen mit 
 lebensgrofsen Figuren; und da diefe Sittenbilder gerade Wegen ihres kleinen 
Bedeumg- Umfangs am leichtefien verkäuflich waren, während jene Schützen- und Regenten- 
Prücke oft fchon als öffentliches Eigenthum nicht in den Handel kamen, fo ift 
es erklärlich, dafs gerade fie in alle Galerien Europas ihren Weg fanden und 
hier als die allercharakterifiifchflen Beifpiele der holländifchen Kunft galten, bis 
die Kennerreifen unferes Jahrhunderts der Nachwelt die Augen darüber öffneten, 
eine wie mächtige Stelle neben ihnen auch jene lebensgrofsen Gruppenbilder 
in der holländifchen Figurenmalerei fpielten. 
Diääfägjfe" Uebrigens lag es im ganzen realiftifchen Charakter der holländifchen Kunft, 
dafs ihre Figurenmalerei alles in allem kaum eine gröfsere Rolle fpielte, als 
die übrigen Fächer zufarnmen genommen, dafs insbefondere die Thiwer-, die 
1) Allgemeineres über fle von W. Liibke, im "Repertorium für 
-27, und H, Riegel in feinen vBCiträgCnn I (1882) S. 105-107. 
Kunßwiffenfcbafn
        

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