Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1249499
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1250741
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Buch. 
Sechstes 
Abtheilung. 
Zweiter Abfchnitt. 
das Verftändnifs feines Schaffens. Das Motiv der kreuzlofen judengrabmäler 
entnahm er in der That dem judenkirchhof bei Amfierdam. Die Grabmäler 
fand er, wie ein Stich nach einer Zeichnung feiner Hand beweiPc, ungefähr in 
derfelben Anordnung, wie er {ie dargeftellt, auf diefem judenkirchhof Vorl), 
Alles übrige that er hinzu. Gleichwohl hatte er alles übrige einzeln auch der 
Natur abgefehem an Backfteinruinen, wie er ihrer eine hinter den Grabmälern 
anordnete, war fchon Holland felbft damals, nach den Kriegen, nicht arm. 
Noch heute fteht die Ruine Brederode bei Haarlem ähnlich da. junigrüne Eich- 
bäume, wie er ihrer einen zur Rechten aufftellte  auf die Zeit um Mitte Juni 
deutet auch der blühende Flieder an den Gräbern  und kahle, abgeftorbene 
Bäume, wie er ihrer einen vor den üppig grünenden fetzte, hatte er zu hunderten 
nach der Natur Ptudirt. Reifsende, über Felsblöcke fchäumende Bergwäffen- 
wie der Strom, der links durch die Gräber brauft, konnte er felbft im Bereiche 
feiner Studienwanderungen genug gefehen haben; dazu brauchte er nicht ein- 
mal die norwegifchen Studien feines Freundes Everdingen; nur am Amfterdamer 
judenkirchhof hatte er einen folchen wafferfallartigen Bergftrom {icher nicht 
gefehen. Und was machte Ruisdael nun mit allen diefen Einzelmotiven? Er 
{tellte f1e zu einem ganz neuen, ganz eigenartigen, nur aus der Künfilerphantafie 
 geborenen Gefammtbilde zufammen, wie es feines gleichen nicht hat; und zu- 
gleich macht er die Empfindung der Vergänglichkeit alles Irdifchen, Welche die 
Betrachtung jener Amfterdamer judengräber in ihm angeregt haben mochte, 
in poetifch gefieigerter Weife zur geiftigen Grundidee feines Landfchaftsbildes. 
Die Vergänglichkeit aller Menfchen und alles Menfchenwerkes, ja felbft der 
Ptlanzengebilde der organifchen Natur ift weder in Worten, noch in Farben 
jemals fo eindringlich gefchildert worden wie hier. Das {iattliche Gebäude im  
Mittelgrunde ift längft zur Ruine zerfallen; der fiattliche Eichbaum im Vorder- 
grunde ift längft entblätterL und abgeftorben; die Todten in ihren Sarkophagen 
ruhen dort, wer weifs wie lange fchon in ihrer Abgefchiedenheit; aber felbft 
 ihnen gönnen die raftlos zerftörenden Naturgewalten dort keine Ruhe; ein vom 
Regen und Sturm gefchwellter Bergbach wühlt {ich mitten durch den Friedhof 
feine Bahn und reifst felbft die Gräber und reifst felbft die todten Baumfiämme 
mit hinab; und kohlfchwarz ballen am Himmel {ich die Wetterwolken; der 
Sturm, der mit ihnen heranbrauft, mag die Bäume zerknicken, vielleicht die 
 Mauern mit den öden Fenflerhöhlen umftürzen, der Regen wird den Strom 
noch höher fchwellen; alles wird dem Erdboden wieder gleich gemacht werden, 
alles mufs ins Urchaos zurückkehren. Matt nur, einem fchwachen Hoffnungs- 
{trahle Vergleichbar, wölbt der Bogen des Friedens {ich links vor dem fchwarzen 
Vergleich Gewölk.  In unferer realiftifchen Zeit giebt es natürlich Kenner, welche Bilder 
dQi-ciiijiilig- diefer Art für eine Verirrung Ruisdaels halten und ihnen gegenüber auf die 
JZJEÄFEEJZ, köfilich naturwahren, einfach der Wirklichkeit abgefehenen Landfchaften des 
Bildern" Meifters, wie {ie z. B. als rSchlofs Bentheime, als nder Waldwegrr und als 
w der Eichenhügelx in der Dresdener Galerie neben dem xjudenkirchhofa hängen, 
als auf die einzig gefunden Werke des MeiPcers hinweifen. Streiten darüber nützt 
I) Stich mit den Unterfchriften: Begraefplaetz 
rlae! inzl. A. Blatelingh feril et exr. 1670. 
der 
faden 
Amflenianz. 
äuyien 
R117 
11411
        

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