Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1244498
Buch. 
Fünftes 
Zweiter Abfchnitt. 
Aether fchwimmenden Halbmond, manchmal auch auf dem Erdball fiehend, von 
Wolken und Licht, Engeln und Engelköpfen umgeben in der Glorie fchwebend, 
mit gefalteten Händen inbrünftig nach oben blickend, darfiellen und unter dem 
Vorwande, die vimmaculata conceptioii, die unbeHeckte Empfängnifs zu ver- 
Iinnlichen, die Apotheofe der Muttergottes und die heiligfte Durchgeiftigung der 
fchönften NVeiblichkeit überhaupt geben. Doch find die verfchiedenen Dar- 
ftellungen diefer Art, die Roelas gefchaffen, nur erft Vorftufen der herrlichen 
ähnlichen Gebilde Murillds, die wir fpäter kennen lernen werden. 
Fr. Pacheco. Francisco Paclzeco fpielt in der fpanifchen Kunfigefchichte eine gröfsere 
Rolle wegen feiner vielfach anregenden Perfönlichkeit, feiner Schriften und feiner 
Stellung als Bevollmächtigter der lnquifitioil in der Ueberwachung der Ortho- 
Sein Lebmdoxie der Gemälde, als wegen feiner eigenen Werke. Er war um 1571 in 
Sevilla geboren, lernte hier, wie fchon erwähnt, bei dem Raphaeliften Luis 
Fernandez, ging 1611 zu feiner weiteren Ausbildung nach Madrid, gründete 
nach feiner Heimkehr eine Schule in feiner Vaterfladt, verweilte von 1623 bis 
1625 mit feinem Schüler und Schwiegerfohne Velazquez abermals in Madrid, 
verbrachte dann aber den Reit feiner Tage in hochangefehener Stellung und 
hauptfachlich mit fchriftftellerifchen Arbeiten befchäftigt wieder in Sevilla, wo 
Sein Stil. er 1654 fiarb. Als Maler ging er urfprünglich von dem nüchtern italifirenden 
Stile der Nachfolger des Luis de Vargas aus, ftrebte jedoch, nachdem er in 
Madrid die Werke Tizians gefehen, nach gröfserer Frifche und Breite, leider 
nur mit geringem Erfolge; denn feine eigenen Arbeiten verrathen nach wie vor 
ein handgreifliches Mifsverhältnifs zwifchen Wollen und Vollbringen, zwifchen 
Wiffen und Können. Sie find hart und trocken in den Linien, wie in den Farben, 
Seine Bilder fchwach in den Formen und im Ausdruck. Hauptfachlich kann man fie in den 
h, Sevilla, Kirchen Sevilla's verfolgen; fein anerkanntes Hauptwerk iPc hier das 1612 vollen- 
dete jüngfte Gericht in Santa Isabel; aber fchon in den Mufeums-Bildern diefer 
 Stadt, wie der vConcepciona und der Scene aus dem Leben des heiligen Pedro 
Nolasco, offenbart der Meifier {ich in feiner ganzen Unerquicklichkeit; und die 
in Madmrvier 1608 gemalten Heiligenbilder des Madrider Mufeums werden vollends 
niemand für ihn einnehmen. Seine Hauptbedeutung liegt in feinem auch für die 
Seine zeitgenöffifche Malergefchichte wichtigen Buche vArte de la Pinturae , welches 
Schrifmb 1639 in Sevilla erfchien, heute aber kaum noch aufzutreiben ift. Pacheco fpricht 
neben manchen ewiggültigen Wahrheiten in diefem Buche noch mehr Thorheiten 
Seine Vor- einer befchränkt pfafüfchen Schulweisheit aus. Für Alles hat er Vorfchriften, 
fchrifm bis edi die Farben, in die jeder Heilige gekleidet fein follte, bis auf die Gröfse 
und Geftalt des heiligen Kreuzesßammes und aller Attribute der Heiligen bis 
auf die Mienen und Geberden, die allein feligmachend feien. Das Buch entfprach 
dem Herzensbedürfnifs der Spanier jedoch in fo hohem Mafse, dafs es auf lange 
Zeit hinaus claffifche Geltung behielt und die fpanifche Malerei es in der Folge 
verftand, ihren ftärkflen Naturalismus und ihre individuellfte Empfindung mit 
feinen Vorfchriften in Einklang zu fetzen. Ein Glück war es nur, dafs diefer 
Naturalismus und diefe Empfindung unter Pachecds Nachfolgern fo hinreifsend 
auftraten, dafs der heutige Befchauer auch ihren religiöfen Darfiellungen die 
ängftliche Vorfchriftsmäfsigkeit beim erPcen Blicke nicht anmerkt. 

        

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