Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1248053
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Sechstes 
Buch. 
Abtheilung. 
Erfler Abfchnitt. 
äggälgsäg Thatigkeit ganz dem Dienfie der kirchlichen Kunfi; kaum aus der Werkfiatt 
Kirche- eines anderen Meifiers find fo viele grofse Altarblätter hervorgegangen, wie aus 
der feinen; und kaum ein Anderer verliand es in gleicher Weife, wie er, dem 
künfitlerifchen Bedürfnifs der Kirche feiner Zeit, das Ueberfinnliche finnlich 
greifbar und fafsbar zu machen, zugleich mit folch religiöfem ErnPc und folch 
 gefunder, mächtiger Sinnlichkeit Rechnung zu tragen, wie er. Als treuer Diener 
 der Fürftenhäufer, unter deren Schutz er lebte, widmete er ferner einen grofsen 
Theil feiner Thätigkeit der Verherrlichung der Grofsen der Erde und ihrer 
Thaten, fchmückte er zugleich ihre Schlöffer mit jenen üppigen weltlichen Dar- 
fiellungen, in denen fein Schönheitsgefühl und feine Natürlichkeit {ich ohne 
Nebengedanken und ohne geiftlichen Dämpfer in ihrer ganzen Reinheit als 
Selbfizweck ausfprechen. 
Neben dem Kirchendienft und dem Herrendienft fand er, mächtig produktiv 
wie er war, aber noch Zeit genug, auch als Künftler fein eigener Herr zu fein. 
Räilfägffsfls Dann malte er die Bildniffe feiner Angehörigen und feiner Freunde; und er 
malen malte fie mit der feinfien Beobachtung ihrer individuellen Charakterunterfchiede, 
er ftattete fie mit dem grofsartigfien Lebensgefühle aus l). Dann malte er, der 
21131323?" ein leidenfchaftlicher Liebhaber der Thierwelt war, wilde Thiere und feurige 
Roffe, Löwen- und Eber-, Wolfs- und Hirfchjagden; und nirgends zeigt fich 
die ungeftüme frifche Kraft feiner Natur fo völlig aller conventionellen Rück- 
fichten ledig, wie in diefen von gewaltigftem Leben erfüllten Iagdllücken, in 
denen kein anderer Maler der Welt ihn auch nur von ferne erreicht hat. 
fciffäfrgjtr Dann malte er endlich auch Landfchaften ihrer felbft willen, feltener ideale 
Bilder einer füdlichen Natur mit heroifcher Staffage, als die heimifche, fchlichte 
Natur feines Vaterlandes, die er in allen ihren atmofphärifchen Stimmungen 
zu belaufchen und mit leidenfchaftlichem inneren Leben zu erfüllen verftand; 
und er wirkte bahnbrechend und umgeftaltend auf dem Gebiete der Landfchafts- 
 malerei, wie auf allen anderen. Alles, was er in Angriff nahm, gelang ihm; 
und Allem drückte er den Stempel feines eigenen Geiftes auf. 
 Willig folgte feine Hand allen Eingebungen feines Geifies, und feine 
malerifche Vortragsweife richtete fich nach den'Stoffen, die er behandelte, 
nach dem Endzwecke feiner Aufgaben und nach der Gröfse feiner Bildflächen. 
Sie ift immer keck und frifch; im Verhältnifs zu glatter und geleckter Technik 
immer breit und lebendig; zugleich aber von faft minutiöfer Feinheit in den 
Ausnahmefällen, in denen er kleine Bilder malte, von malerifcher Kraft und 
doch zugleich von liebevoller Sorgfalt in den eigenhändigen Hauptwerken, 
welche von Nahem betrachtet und gewürdigt werden follten, von faft flüchtiger 
und fahriger Breite aber in den dekorativen Arbeiten, welche für die Beurtheilung 
fjägfusggä; aus gröfserer Ferne befiimmt waren. Uebrigens laffen fich gerade auf dem 
Gebiete der malerifchen Technik im' engeren Sinne des Wortes weit deut- 
lichere zeitliche Stilwandlungen des Meifiers unterfcheiden, als auf irgend einem 
anderen. Seit er nach beendeten Lehr- und Wanderjahren {ich als grofser 
Meifter in der Stadt feiner Väter niederliefs, blieben fein Stoffgebiet, feine 
I) Nichts fcheint uns ungerechler, als die Behauptung des geifireichen Franzofen Eug. fäwuevzlirz. 
vSes portraits sont faibles, peu observäs, superliciellement construits, et pourtant de ressemblance vaguea. 
vLes Maitres Jautrefoisu, 4. 6d. Paris 1882, p. III.
        

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