Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1248040
Malerei 
vlämifche 
Jahrhunderts. 
Rubens. 
Peter Paul 
411 
Sprunges hat kein Künftler fo anfchaulich zu fchildern verfianden, wie er. Die 
ruhige wExiPcenzmalereia feiner venezianifchen Vorbilder ifi: feine Sache gar 
nicht. Ein mächtiges dramatifches Leben wogt in feinen grofsen Darftellungen. 
Man hat ihn daher auch mit Recht feinem etwas älteren Britifchen Zeitgenoffen 
verglichen und den Shakefpeare der Malerei genannt. Mit fpielender Leichtig- 
keit verfmnlicht er uns jede Handlung, die er darftellen will; aus dem bunten 
Figurenreichtlmm feiner Compofitionen, die er auch perfpektivifch und rhythmifch, äftjgfioiggf" 
meift mit aufgehobener Symmetrie, meifterhaft beherrfcht, weifs er uns den Kern 
des Vorganges klar herausgefchält in den Vordergrund zu rücken. Handlungen 
mit äufseren Bewegungsmotiven kommen dabei unter feinen Händen beffer zur 
Geltung, als Seelenkampfe; und auf feelifchem Gebiete gelingt ihm der Ausdruck 
der Leidenfchaften beffer, als derjenige der ftilleren Regungen des Gemüthes. 
Selbft feine Farbengebung hat Rubens trotz aller venezianifchen Studien fchliefs- 
lich doch aus feinem eigenften Gefühle neu gewonnen. Er ift einer der gröfsten 
Coloriften aller Zeiten; und er ift in erfter Linie Colorift, weit mehr als Zeichner 
im engeren Sinne des Wortes; denn wenn er auch die Formenfprache mit 
Stift und Pinfel fo völlig beherrfchte, wie wenige, fo opferte er gelegentlich co,freiisfnus_ 
der malerifch-coloriitifchen Gefammtwirkung zu Liebe doch wohl einmal die 
Reinheit und volle Richtigkeit der Einzelform: aber er ifi eben auch als Colorift 
nur er felbft; die Farbenfiimmung der grofsen Coloriften der anderen Völker 
erinnert nicht an die feine, felbft diejenige Tizians und Veronefes, der er am 
erften nachftrebt, kaum, gefchweige denn diejenige eines Murillo oder eines 
Rembrandt. Er hat eine reichere, üppigere Palette, als fie alle zufammen- 
genommen. Das myftifche Helldunkel liebt er nicht, wenngleich er es, wo der 
Gegenfland es erheifcht, aufserordentlich überzeugend zu handhaben verfteht. 
Er fiellt feine Gefialten in der Regel ins volle, helle Tageslicht, das auch die 
Schatten noch klar und farbig erfcheinen läfst, übrigens aber mit feiner warmen 
Leuchtkraft nicht nur die nackten Theile wunderbar belebt, fondern auch die 
an {ich lebhaft ausgefprochenen Localfarben der Gewänder ausgleichend mit 
einander verföhnt. Wohl fchillern viele Bilder feiner Hand in einer unendlichen 
Fülle von Farben, fo dafs fie" nicht mit einzelnen Accorden verglichen, fondern  
ganze vFarbenfymphonienr genannt worden find; aber nur unter den Händen 
feiner weniger geiftvollen Schüler wird diefer Farbenreichthum zur Buntheit 
und Grellheit; auf feinen eigenhändigen Bildern ift er raufchende Feftfreude und 
harmonifche Pracht. 
Unendlich reich, wie feine Formenfprache und feine Farbenmufik, ift auch Stoggigiec. 
fein Stoffgebiet. Die ganze weite, von taufend Prachtgefialten belebte gefchicht- 
liche und fagenhafte Vergangenheit der Culturvölker erweckt er auf feinen 
Riefenlinnen zu neuem Dafein. Die Erzählungen des Alten und des Neuen Tefia- 
mentes, die Vorgänge der alten, der neueren und damals neueften Gefchichte, 
die griechifchen Götter- und Heldenfagen und die mittelalterlich-chriftlichen 
Heiligenlegenden werden unter feiner mächtigen Hand zu feurigen Farben- 
dramen; und die allegorifchen Vorfiellungen feiner Zeit und feiner eigenen 
Phantaiie werden zu Geftalten von Fleifch und Blut, die mit den Erdenbürgern 
aller Zeiten wie mit ihres Gleichen verkehren. 
Als treuer Sohn der katholifchen Kirche widmete er die eine Hälfte feiner
        

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