Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1247760
Malerei 
vliimifche 
Die 
Jahrhunderts. 
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fie in den Hauptfächern doch weit auseinander. Ein Rubens wäre in Holland 
ebenfo unmöglich gewefen, wie ein Rembrandt in Belgien. 
Die Kirche {tellte in Belgien, wie in allen katholifch gebliebenen Ländern, lflgphflohiiffcgsä 
der Malerei des {iebzehnten Jahrhunderts aufserordentlich reiche Aufgaben, in Iäälcjiänin 
denen der decorative Zweck und das Andachtsbedürfnifs {ich unauflöslich a  
verwoben. In keinem Kunftlande wurden im flebzehnten Jahrhundert mehr 
Altarbilder gemalt, als in Belgien, in keinem Weniger als in Holland; und felbft 
die Landfchaftsmalerei, welche fich in Holland nunmehr ganz auf ihr eigenftes, 
innerftes Wefen zurückzog, trat in Belgien öfter, als in irgend einem anderen 
Lande, in- den Dienft der Kirche, um die Wände und manchmal auch die 
Rückfeite der Altäre mit Darftellungen üppig grünender, angeblich biblifcher 
Gefilde zu fchmücken; und beiden, der Figuren- wie der Landfchaftsrnalerei, 
blieb von ihrem Kirchendienfte in den füdlichen Niederlanden ein fchwungvoll 
decorativer Zug eigen, der in der gleichzeitigen holländifchen Malerei durch- 
Vorzüge anderer Art erfetzt wurde. 
Auch die monarchifche Regierung und die Statthalterwirthfchaft mit ihren tägyliilffcshgäl' 
feftlichen Auf- und Einzügen, ihren Triumphbögen, ihrer Maffenprachtentfaltung Hßrrfchafr- 
leiftete dem decorativeren Zuge der belgifchen Kunft gegenüber dem fchlichteren 
republikanifchen Wefen der Holländer allen erdenklichen Vorfchub. Die füd- 
niederländifche Kunft diefes Zeitraumes ift im Ganzen ebenfo ariftokratifch, wie 
fie kirchlich und decorativ ift. Ihr ariftokratifcher Zug tritt befonders in der HFQIÄFiÄiIQZF 
Bildnifsmalerei zu Tage; aber felbit in der Sittenmalerei verläugnet er {ich  
nicht; D. Teniers d. j. mit feinen manchmal etwas verfeinerten, auch ftädtifche fßliäitgfß- 
und vornehme Gefellfchaft keineswegs verfchmähenden Bauern konnte nur auf  
dem belgifchen, nicht auf dem holländifchen Boden diefer Zeit erwachfen: und 
die einfeitiger realiftifchen Naturen, welche auf vlämifchem Gebiete geboren waren, 
wie Frans Hals und Adriaen Brouwer, wanderten theils, wie jener erftere, 
wirklich ganz nach Holland aus und kehrten theils, wie diefer letztere, als halbe 
Holländer, wenn auch nur als halbe, in ihr engeres Vaterland zurück. 
Mit ihrem kirchlichen, ihrem ariitokratifchen, ihrem decorativen Zuge hätte fgiäemräu 
die belgifche Kunft des liebzehnten Jahrhunderts conventionell werden können, 2531530112122 
wie ein Theil der italienifchen und der franzöfifchen Kunft es unter ähnlichen 1132112151115; 
Bedingungen wurde, wenn ihr angeborener niederländifcher Realismus und ihre turalismus: 
unverwüftliche vlämifche Urwüchfigkeit jener Verfeinerung nicht kräftig das 
Gegengewicht gehalten hätte. Die frifche Naturkraft, welche ein Erbtheil des 
hochbegabten niederdeutfchen Volksftammes ift, bricht trotz der äufserlichen 
Verwelfchung im Leben wie in der Kunft der Belgier überall fiegreich hervor 
und weiß der Kirchlichkeit, der Vornehmheit und felbft dem decorativen 
Princip neue, eigene Bahnen, auf denen die vlämifche Malerei diefes Zeitraumes 
{ich zu einer felbftändigen Vollendung emporarbeitete. Gerade in der Ver- 
mifchung, nicht nur einer äufserlichen Vermengung, fondern einer innerlichen 
Verfchmelzung, jener von den füdlichen, romanifchen Völkern übernommenen 
Eigenfchaften mit ihrem ureigenen, germanifch-realiftifchen, oft genug zur 
Derbheit neigenden Grundcharakter, befteht die Eigenthümlichkeit der vlamifchen 
Kunft des fiebzehnten Jahrhunderts; und eben weil ihr Grundcharakter vlämifch, 
alfo germanifch ift, wie denn auch faft alle berühmten belgifchen Meifter des
        

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