Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1247457
352 
Sechstes 
Buch. 
Abfßhnitt. 
Dritter 
gefühl. Zunächfi {ind die Küftenbilder jeder Art, Hafenanfichten, idyllifche 
Strandpartien und Meerbuchten, welche durch römifche Säulenruinen ein heroifches 
Anfehen erhalten, unter feinen Werken Weit häufiger, als unter denen der 
Slfgäfioigi" Carracci, der Bril und der Pouffin. Anfangs zog er es vor, den Hafen oder 
die Bucht zu beiden Seiten mit grofsen architektonifchen Verfatzftücken, bald 
prächtigen Renaiffancepaläften, bald Säulenhallen in Ruinen, bald alten oder 
neuen Triumphbogen, wie eine Theaterdekoration mit Seitenkouliiien auszu- 
ftatten. Später mifchten {ich Bäume und Felfen dazwifchen, gliederten die 
Küfien {ich immer feiner und reicher, wurden die Phantafieveduten zu grofsen, 
idealen Landfchaften, in denen die leichtgewellte, fchimmernde blaue Meerflut 
nur als befeelendes und erheiterndes Element eine Hauptrolle fpielt; und bis 
in unfer Jahrhundert hinein hat Niemand es Claude an geifivoller Beobachtung 
und meifierhafter technifcher Wiedergabe der {tofflichen Erfcheinung des Meer- 
waffers mit feiner metallifch fchimmernden Oberfläche, mit feiner leuchtenden 
Spiegelung der Sonnenfirahlen gleich oder zuvorgethan. 
Die gröfsere Hälfte feiner Bilder aber hält uns doch auf dem Lande feft; 
und diefe beitehen, genau genommen, aus denfelben Elementen, wie die Land- 
fchaften feiner Vorgänger. Berge, Thäler, Flüffe, Wafferfälle, Landfeen ver- 
binden flch bei ihm, wie bei jenen, mit mächtigen Bäumen, mit fchönen Brücken, 
mit Gebäuden, Gebäudetrünnnern und mit ganzen Ortfchaften zu feftgefügten, 
in edlen Linien umriffenen Gefammtbildern. Und doch! wie durchaus ver- 
fchieden find feine aus diefen Elementen zufammengefetzten Compolitionen von 
denen jener anderen Meifier! Sie erfcheinen als die Spiegelbilder einer eigen- 
artigen Gemüthsverfaffung, einer klaren, ruhigen Seelenftimmung, eines zugleich 
grofsartigen und reinen Schönheitsgefühls! Befonders mit den Landfchaften der 
Pouffins verglichen, fmd die feinen heiterer, freier, offener. Das Waffer fpielt 
auch in feinen Bildern vom Fefiland eine hervorragendere Rolle. Seine Ströme 
ziehen in edlen Windungen durch die fein gegliederten Auen, gleiten als kleine 
Wafferfälle über die Unebenheiten hinweg, die {ich ihnen entgegenliellen, und 
 bilden Landfeen, in denen fich Riefenbäume fpiegeln. Der Blick fchweift in 
ungemeffene Fernen, deren Linienperfpektive, wo es {ich nicht um die fefien 
Linien der Architektur handelt, faft fo klar und überzeugend wirkt, wie ihre 
Luftperfpektive. Die Gebirge treten faft niemals als Hauptmotive auf, fehlen 
aber auch faft niemals, fondern dienen mit ihren wohl abgewogenen Umriffen 
dazu, dem Linienflufs Feftigkeit und Adel zu verleihen. Die Bäume der ver- 
fchiedenften Art {ind von urweltlicher, vorbildlicher Fülle und_ Reinheit der 
Einzelformen; fie werden mit grofser Ueberlegenheit zur richtigen Vertheilung 
der Hauptmaffen verwandt und zu Gruppen von unvergleichlicher Schönheit 
zufammengefügt. Auch der Vordergrund nimmt an diefer allgemeinen Sorgfalt 
der Durchbildung theil. Manchmal könnte es fogar kleinlich erfcheinen, wie 
der Blick an den einzelnen, wohl von einander zu unterfcheidenden Blumen im 
Rafen feftgehalten wird, obgleich er {ich bereit halten foll, in die Unendlichkeit 
hinauszufchweifen. Und eigenartig, wie alle diefe Dinge, behandelt Claude auch 
das Menfchenwerk in feinen Bildern. Eine befondere Vorliebe hat er dafür, 
die einzelnen altrömifchen Ruinen, befonders die Säulenhallen und die Triumph 
bögen des Forum Romanum, aber auch die Rundtempel der Tivolihöhe und
        

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