Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1247131
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Sechstes Buch. 
Abfchnitt. 
Dritter 
Künfllern verehrte; im Freien aber ftudirte er vor allen Dingen die herr- 
 lichen Landfchaften der Campagna und der römifchen Gebirge; und gerade 
feine Kenntniffe der Luft- und Linienperfpective und fein Verftändnifs der Archi- 
tektur und der Natur brachten ihn dahin, den baulichen und landfchaftlichen 
Hintergrund feiner Gemälde räumlich und geiflig in hervorragender Weife mit- 
Sein Sril- wirken zu laffen. Die Folge davon war, dafs er felten Gemälde mit lebens- 
grofsen Figuren malte, vielmehr in der Regel gröfseren Compofitionen mit 
Figuren von einem Drittel oder einem Viertel ihrer wirklichen Gröfse den 
Vorzug gab, ja, dafs die Figuren mancher feiner berühmtetlen Gemälde für 
den Gefammteindruck zur Nebenfache herabfinken, fo dafs die in grofsen, edlen 
aäofäi'ä_ Umriffen gedachte Landfchaft zur Hauptfache wird. In der That wurde Pouffm 
{ahmen auf diefe Weife der Schöpfer oder doch Vollender der grofsen, der idealen, 
der heroifchen Landfchaft; und feine Leiftungen auf diefem Gebiete haben eine 
nachhaltigere Wirkung ausgeübt, als feine übrigen Darflellungen. Wir werden 
auf feine Landfchaften zurückkommen, zunächft aber feine hiftorifchen Com- 
pofitionen als folche noch etwas eingehender betrachten. 
 Die archäologifchen und antiquarifchen Studien Pouffins treten in ihnen 
Sinn- nicht nur in den regelmäfsigen, durch ihre {tete NViederholung freilich fchliefs- 
lich kalt und conventionell wirkenden Kopftypen, nicht nur in den fchönen 
Verhältniffen und in der zeichnerifch tüchtigen Modellirung der unbekleideten 
Geftalten, nicht nur in deren rhythmifchen, würdevollen Stellungen und Be- 
 wegungen, fondern auch in dem edlen und ftrengen Faltenwurf der Gewänder, 
in der correcten Durchbildung der römifchen Säulenbauten und anderer Archi- 
tekturfiücke, in den annähernd echten Formen der antiken Geräthe und des 
übrigen Beiwerks zu Tage. Freilich ift diefe xEchtheita immer nur römifch, 
nie griechifch, wie der Meifter auch Athen in eine römifche Landfchaft ver- 
legte und mit römifchen Bauformen ausftattete; aber daran nahm damals über- 
haupt niemand Anftofs; Pouffins Welt war die Cultur des alten, die Natur des 
neueren Rom; weiter ging auch fein antiquarifcher Ehrgeiz nicht. 
 Uebrigens bedeutet die Echtheit des archäologifchen Beiwerks bei Pouffin 
keineswegs eine Ueberfüllung feiner Gemälde mit demfelben; im Gegentheil, 
er behandelt es im Einzelnen mit überlegter und überlegener Zurückhaltung. 
Das franzöfifche Princip der Einheitlichkeit der Darftellung, der Vermeidung 
alles Ueberflüffigen, der klaren Durchbildung des Hauptgedankens, welches 
uns im franzöfifchen Drama des I7. Jahrhunderts begegnet, beherrfcht auch die 
Compofitionsweife Pouffins. Er giebt fich von jeder Bewegung jeder Figur 
Rechenfchaft und verlangt von ihr nicht nur, dafs f1e der geifiigen Rolle, die 
ihr in der Gefammthandlung zukommt, vollkommen gerecht werde, fondern 
auch, dafs fie {ich harmonifch dem Linienfiuffe der figürlichen Compofition und 
Poätfiglißtals des Hintergrundes einfüge. Hierin liegt fchon, dafs Pouffin zu den iStiliftene 
gehört, welche auf die Formen, auf die Linien, auf die ganze Zeichnung ein 
gröfseres Gewicht legen, als auf die Farbe, auf die Pinfelführung, auf die colo- 
riftifch-malerifche Gefammthaltung. Doch weifs er eine gar nicht übel beobachtete 
Luftperfpective in feinen Landfchaften und landfchaftlichen Hintergründen ge- 
fchickt zu verwerthen und manchmal ein wirkungsvolles Helldunkel, welches 
ihn jedoch nicht zu unklaren Schatten verführte und felten ganz einheitlich zu-
        

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