Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1246998
306 
Sechstes 
Buch. 
Abfchnitt. 
Dritter 
(f; Knaben im Buckingham-Palace, die alte Frau mit dem geigenden Knaben und 
indggjifätxh fechs anderen Kindern in Petworth und die Darflellung der tanzenden Kinder, 
in Teläxfäer- denen ein Knabe pfeift, in Lowther-Castle. Ihrem Stoffgebiet nach erinnern 
 die Le Nain, wie diefe Beifpiele zeigen, bald an Murillo und Velazquez in 
deren Genrebildern, bald an Frans Hals, ihren grofsen holländifchen Zeitgenoffen, 
bald an Valentin, ihren auf Caravaggio fufsenden franzöfifchen Landsmann; {ie 
haben aber ihre Auffaffung und ihre Ausführungsweife ganz für {ich und nehmen 
deshalb, zumal Iie keine Schule gebildet haben, eine eigenthümlich ifolirte 
Stellung in der Gefchichte der franzöfifchen Malerei ein. 
Auf ganz anderem Boden erwachfen als fle, wenngleich in einer gewiffen 
Periode feines Lebens vielleicht nicht unbeeinflufst durch ihren Stil, fleht 
Käfigs Yacqzzes Callot1) da, der vielfeitige, frifche und urwüchfige Lothringer, den die 
Gefchichte der Malerei fich nicht nehmen laffen kann, wenngleich fein Weltruf 
nicht auf Gemälden, fondern auf Radirungen und Handzeichnungen beruht. 
 Es ift fogar zweifelhaft, 0b er überhaupt gemalt hat. jedenfalls hat er es nicht 
weit in' der Malerei gebracht; und jedenfalls flnd die zahlreichen Gemälde, 
welche im Pal. Corsini zu Rom, in der Akademie zu Venedig und in vielen 
anderen Sammlungen feinen Namen tragen, von fremden Händen nach feinen 
Radirungen angefertigt. Schon die offenbare Verfchiedenheit diefer Hände 
läfst daran keinen Zweifel. 2) Sie beweifen alfo nur, wie manche ähnliche Bilder 
nach Stichen Dürers und Lucas van Leydens, Welcher Popularität flch der 
Csiggfxis Stecher erfreute. Als Stecher, Radirer und Zeichner hat Callot uns aus- 
Rääälrnelifld fchliefslich zu befchäftigen. 
Sein Leben- Yacgzees Callaz war 1592 3) als Sohn eines adligen lothringifchen Hof- 
beamten zu Nancy geboren. Zwölfjährig entfioh er, aus Sehnfucht nach dem 
Lande der Kunfl, feinen Eltern, zog mit Zigeunern nach Florenz, wurde aber 
nach Nancy zurückgebracht, um 1609 als angehender Künftler, jetzt mit der 
äfiäzäelffrfä Erlaubnifs feiner Eltern, nach Italien zurückzukehren. In Rom (1609-1612) 
Florenz- war er Plz. Tlzomafßrzs, des bekannten Kupferftechers (1561-1631), in Florenz 
(x612'-1617) Giulzb Parzgiis, des berühmten Baumeifiers und Radirers (T 163 5), 
äjlieägfigj Schüler. Mit der Herausgabe feiner vCapricci di varie figurer (Florenz um 
1617; Meaume 768-4567) waren feine Lehrjahre zu Ende. Es find 50 kleine 
Radirungen aus dem F lorentiner Volksleben, fcharf und launig aufgefafst, frei 
und geiflreich hingeworfen, fein und lebendig ausgeführt. Bald darauf erfchienen 
der ibethlehemitifche Kindermorde (M. 6) und die Darflellung des florentinifchen 
I) Fälibien, a. a. O. II, p. {52-173.  Mariette a. a. O. I, p. 258-291.  Hauptwerk: 
Ed, Meaume: Recherches sur 1a vie et les ouvrages de Jacques Callot; 2 Bände, mit dem Katalog 
feiner Werke, Paris 1860.  
2) Um io unbegreiüicher iil; es, dafs Fouqußs de Vagnonzlizle noch 1877 (L'Art von diefem Jahre, 
I, p, 39 ff) die Echtheit aller diefer Bilder vertheidigte. Das Entfcheidende hat fchon Meanme a. a. 
O_ I, p, 73_79 klar und bündig zufammengeßellt.  Am erften könnten fein GSeIbfIÄPOÜTätH und 
eder Schneckenmanm in den Uffizien zu Florenz, so wie, nach Guitfr, Kinkel, (in Kunß und Küniller, 
Callot, S. I 5) das Zigeunerbild im Mainzer Mufeum Anfpruch erheben, für Gemälde von Callofs 
Hand zu gelten. 
3) Nach Fälibien 1593; allein da {eine Grabfchrift angiebt, er fei 1635, 43 Jahre alt, geiiorben, 
fo hat man {ich feit Marielte dahin verftändigt, ihn 1592 geboren werden zu laffen, was übrigens 
fchon Abr. Bosse in {einem Callofs Grabmal darflellenden Blatte bezeugt. 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.