Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1243599
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1246558
262 
Buch. 
Sechstes 
Abfchnitt. 
Zweiter 
an Zechgenoffen austheilt, den Bacchus vorgeftellt habe, kann daher keinem 
Zweifel unterliegen; feine weichen, runden Züge widerfprechen auch gar nicht 
einmal der überlieferten Bacchusvorftellung; und der hinter ihm liegende zweite 
nackte Gefelle, welcher die Schale in der Linken erhebt, ift auch fchon durch 
fein Pansgeficht als eine Geftalt aus dem Gefolge des Gottes charakterifirt. 
Auffallend ift nur," dafs die übrigen fieben fich um ihn drängenden Geftalten 
die Tracht fpanifcher Bauern und Soldaten tragen; auch der vor ihm Kniende, 
dem er den Kranz auf's Haupt drückt, ift ein Soldat. Die Deutung, dafs alle 
diefe Gefellen den Thiafos des Bacchus vorftellen follen, fcheint bei näherer 
Betrachtung ebenfo ausgefchloffen zu fein, wie die Anficht, dafs auch die beiden 
nackten Geftalten nur Bauern oder Soldaten feien, welche vBacchus fpielenr. 
Vielmehr entfpricht der Darftellung nur die Auslegung, dafs der Künftler fich 
einen Kreis luftiger Erdenzecher gedacht habe, in welchem der Gott felbft die 
Siegeskränze vertheilt; eine Idee, welche der Anfchauung des I7.]ahrhunderts 
keineswegs widerfpricht. Seiner Durchführung nach bezeichnet das intereffante 
Bild einen Höhenpunkt der erften Stilepoche des Meifters. Noch find alle 
einzelnen Geftalten fett und plaftifch modellirt und auf {ich felbft geftellt, noch 
ift ein warmer, fonniger Ton über das ganze Gemälde ausgebreitet: und des 
hellen Lichtftrahles, der von links hereinfallend mit wunderbarer Wirkung an 
den nackten und bekleideten Körpern fpielt, bedurfte der Künftler noch, um 
die einzelnen Glieder der Gruppe zu fondern und das Ganze malerifch zufammen- 
zufaffen. Aber alle diefe Mittel der Modellirung, der Individualifirting und der 
Beleuchtung find fo meilterhaft gehandhabt, dafs man dem Bilde ftaunend, wie 
einer in ihrer Art unerreichten Leiftung gegenüberfteht und, fo lange man flCh 
in feinem Bannkreife befindet, zweifelt, 0b die fpätere technifche Entwickelung 
P3562215 des Meifters wirklich einen Fortfchritt bedeute. Und doch müffen fchon die 
 beiden grofsen Hiftorienbilder, welche er 1630 in Rom malte, fo eng fie fich 
i" Rom: im allgemeinen an das Bacchusbild anfchliefsen und fo wenig Eintlüffe italienifcher 
Studien in ihnen bemerkbar find, als Fortfchritt in der technifchen Entwickelung 
des Meifters bezeichnet werden: das Nackte ift in ihnen fchon weicher und 
gefchmeidiger modellirt, das Medium der Luft wahrer und einfacher mit zur 
Jlziäplfläüäg: Geltung gebracht. Das eine diefer Bilder ftellt Jacob dar, dem feine Söhne 
JEScälvr-iaärfx den blutigen Rock ihres Bruders jofeph bringen und befindet fich noch in der 
i kleinen Gemäldefammlung des Escorial. Die plaftifche Modellirung fteht hier 
derjenigen des Bacchusbildes noch näher. Es wird daher vor dem zweiten 
dieSchrniede gemalt fein. Diefes zweite ftellt die Schmiede des Vulcan dar, in welcher 
  Apollon erfcheint, um dem Gotte des Feuers die Untreue feiner Gattin Venus zu 
hladrid; melden (Fig. 486). Es befindet fich im Madrider Mufeum und gehört technifch 
und malerifch zu den gewaltigften Bildern diefer Erde. Rechts ift die Schmiede 
dargeltellt, links am Eingang erfcheint Apollon, ein halbnackter Jüngling in 
gelbem Himation, einen Lorbeerkranz im Haare, einen hellen Strahlenfchimmer 
um's Haupt. Vulcan und feine vier Gefellen fmd kräftige Schmiedegeftalten 
aus dem Volke. Wie fie alle, einen Augenblick mit ihrer Arbeit innehaltend, 
aufhorchen bei der Erzählung des Lichtgottes! Wie erfchreckt und grimmig 
zugleich der hagere, fehnige Gott des irdifchen Feuers mit rollenden dunklen 
Augen dem Gott des himmlifchen Feuers in's helle Antlitz ftarrt! Wie unge-
        

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