Volltext: Die Malerei von der Mitte des sechzehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts (Bd. 3, Hälfte 1)

Vorbemerkungen. 
 ie in dem organifchen Leben, welches auf der Oberfläche des Erdballs Pgiiegaäzg" 
 hin- und hertreibt, herrfcht auch im geifiigen Werden und Wachfen der Verfalls- 
 Völker das Naturgefetz, welches die fchönfte Blüthenpracht und die höchfte 
Fruchtreife an verhältnifsmäfsig kurze Zeiträume bindet. Hier wie dort folgen auf 
die Epochen der höchften Anfpannung aller Kräfte Tage der Erfchlaffung und des  
Verfalls. S0 lange die Ziele, die einer Zeit vorfchweben, noch nicht vollftändig 
erreicht flflCl, ftreben alle mit vereinten Kräften zu ihnen empor; der eine hilft 
hier, der andere dort, der eine erreicht diefes Stück, der andere jenes, bis das 
Ideal verwirklicht zu fein fcheint; dann aber gehen Jahrzehnte, manchmal Jahr- 
hunderte darüber hin, bis fich wieder fo viel geiltiger Zündftoff gefammelt 
hat, um neue Ideale zu entfl-ammen. Den inzwifchen geborenen Gefchlechtern, 
die felbflzufriedener in ihrem' Geniefsen fmd, als jene in ihrem Ringen, bleibt 
nichts anderes übrig, als in den Bahnen der grofsen, aller Welt leuchtenden 
Sonnen zu kreifen und von ihrem Feuer zu zehren. 
Die Meifter der Blüthezeit des I6. Jahrhunderts, wie Dürer und Holäein, 
Leonardo und Raphael, Michelangelo und Correggzb, Giorgzbne und Tizian, hatten 
verfchiedene Seiten des gemeinfamen Zieles ins Auge gefafst und zufammen 
das höchfte geleiftet, deffen die Malerei jener Epoche fähig war. Von den 
Sternen zweiter Gröfse aber feffeln uns die Vorläufer und Mitarbeiter diefer 
gröfsten Meifter gerade deshalb weit mehr, als ihre Nachfolger und fpäteren 
Nachahmer, weil in den aufftrebenden Zeiten jeder ernfthaft ringende Künfller 
ein Stück Fortfchritt in fich trug und feinen Theil zum Gelingen beifteuerte, 
während die jüngeren Meifter auch bei völlig gleichem Mafse eigener Begabung 
doch ohne andere Schuld, als dafs fie vEnkela waren, verdammt wurden, den 
hohen und fchönen Stil, den f1e ererbt hatten, in Manier ausarten zu laffen. 
Bezeichnet die Kunftgefchichte als vStilK die befondere Geftaltung, welche äilnilänfi 
die Welt der Formen durch einen grofsen, aus feiner eigenften Ueberzeugung 
heraus fchaffenden Meifter in vollkommenem Einklange mit dem dargeftellten 
Inhalte erfahrt, fo verfteht fie unter ßManiera die Formenfprache, die ein Künmer 
ohne fonderliche Rücklicht auf ihren Inhalt, ohne innere Nothwendigkeit und 
daher auch ohne überzeugende Kraft einem andern Meifter oder manchmal 
auch feinem eigenen befferen Selbft entlehnt. Diefelben Modemotive werden 
aufserlich, ohne Rücklicht auf den geiftigen Vorgang, dem fie urfprünglich 
entftammten, wiederholt. Daher die raphaelifchen Schönheitslinien ohne eigenes, 
angeborenes Schönheitsgefühl; daher die michelangelesken Pofen und Muskel- 
anfchwellungen ohne Anlafs zu den körperlichen und feelifchen Bewegungs-
	        
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