Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei der Renaissance
Person:
Woltmann, Alfred Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1235000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1236223
DritteS Buch. 
Abt11ei1un g. 
Zweiter Abfchnitt. 
nur wenige Bilder, die Foucquets eigene Hand verrathen. Eine vorzügliche 
Arbeit von ihm, vielleicht die srül1este erhaltene, umschliesst das Münchener 
1309c2cci0, Exemplar von Boccaccio7s Buch vdes cas des nobles hommes et femmescc in 
www. französischer Uebersetzung, nach der Schlussnotiz am 24. November I458 durch 
den Schreiber Pz277zs Frz2z;zs, Pfarrer zu Aubervillers bei SaintsDenis, beendigt, 
und zwar für Maitre Etienne Chevalier1J. Die Mehrzahl der Miniaturen, 
Dedicationsbilder wie Vignetten, kann nur als Arbeit aus Foucquets Werkstatt 
und Schule gelten, aber er selbst ist in der grossen Darstellung unverkennbar, 
die zu Anfang eine ganze Seite füllt: einem cclit de justicev. In einem von 
Schranken abgegrenzten Raume sitzt ein König von Frankreich, Karl VIl., 
Gericht haltend, von den Vornehmen des Reiches und dem Parlament ums 
geben. 0sfenbar ist hier das Gericht verewigt, das im August desselben Jahres 
1458 über den Herzog von Alenc;on stattfand. Der Vorgang entwickelt sich 
in voller Klarheit, die Volksgruppen ausserhalb der Schranken sind höchst 
lebendig, mehr als zweihundert Köpfe sind vollkommen ausgeführt, tresslich 
modellirt und ausdruclcsvoll. 
Cei;c7;1;uch Das köstlichste aber was wir von Foucquet besitzen, sind die Ueberbleibsel 
 eines für Etienne Chevalier illuminirten Gebetbi1ches. Ein späterer Bei 
 isitzcr war so barbarisch, den kostbaren Band auseinanderziinehmen; nur die 
einzelnen Miniaturen sind noch übrig, ein paar in Privatbesitz zerstreut, die 
Mehrzahl, vierzig, bei Herrn Louis Brentano zu Frankfurt am Main 2J. Auf 
dem Doppelblatte, welches die Reihe eröffnet, kniet Etienne Chevalier, dem 
sein Patron zur Seite steht, vor der thronenden, von Engeln umgebenen Mai 
donna, die dem Kinde die Brust reicht. Dann folgen Darstellungen aus dem 
Evangelium, der Marienlegende, den Legenden verschiedener Heiliger und 
Anderes. Hier geht eine Milde, Zartheit und Reinheit durch, die auf der 
einen Seite an JlsZ2s772ZzJzx, auf der andern an Fm 67Zio7Jx17zJszzi x4J4;sesZicc2 ask: FieJoZe 
erinnert, während alles Lahme, das beiden noch gelegentlich eigen ist, hier fern 
bleibt. Im vollsten Einklange mit dem Ausdruck steht die klare, bescheiden 
vorgetragene und doch höchst anmuthige Farbe. Oft erhebt sich Foucquet zu 
einer Schönheit, die sonst dem Norden fremd bleibt, so namentlich in vielen 
Darstellungen der Madonna. Den Ausdruck edelster Erhabenheit legt er bei 
der Himmelfahrt, der Krönung in ihre Züge, mit grossartigem Pathos lässt er 
sie bei der Grablegung erscheinen. Dabei kommen aber auch die individuellsten 
Gestalten aus der Wirklichkeit vor; so ist der dicke Geselle links bei der Ver. 
mählung von Maria und Joseph echt humoristisch aufgefasst CFig. I59J. Selbst 
die Passionsscenen und Martyrien wirken nicht verletzend, wie das sonst in 
der niederländischen und deutschen Kunst so häufig ist. Die heilige Apollonia 
schnürt man unbarmherzig an das Holz, einer reisst sie am langen Haar, ein 
anderer entblösst den Hintern gegen sie, ein dritter bricht ihr mit seiner ries 
 s1gen Zange einen Zahn aus, und doch wirkt das Ganze nicht unedel wegen 
des geistigen Triumphes im Antlitz der Heiligen und des empsindungsvo1len 
Ernstes, der den Ton angibt. Die Formen sind wohlverstanden, namentlich
        

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