Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei der Renaissance
Person:
Woltmann, Alfred Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1235000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1242939
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Viertes Buch. 
für lich vorweg; und die Nachwelt spricht immer noch Zuerst feinen Namen 
aus, wenn sie aller charakteristischsten Eigenschaften der venezianischen Malerei, 
ihrer sinnlichen Schönheit, ihres ruhigen Gleichgewichts, ihrer berauschenden 
Sein StI1.Farbengluth gedenken will. Dass TiZian, der geseierte K0lorist, als Zeichner 
zu wünschen übrig lasse, ist eine Ansicht, die schon früh 1J Von jenen Florens 
tinifchen Vertretern der scharfen Umrisse verbreitet wurde, welche sich nicht 
klar gemacht haben, dass unser Auge die Dinge in Wirklichkeit nicht scharf 
umriffen, sondern von Luft und Licht umspielt, als weichbegrenzte Flächen 
neben einander im Raume sieht. Tizians kol0ristisches Princip erheischte feinen 
weicheren Vortrag, den er anfangs doch mit einer sorgfältig verschmelzenden, 
festen Behandlung zu verbinden wufste, während er später immer breiter und 
lockcrer wurde und schliesslich die Pinselsiriche sichtbar neben einander stehen 
liess. Ein mangelndes Verständniss kann man feiner Formengebung nicht vors 
werfen, wenn f1e auch nicht auf einer so p1astischen Modellirung beruht, wie 
diejenige Leonardo7s und Michelangelo7s oder selbst Raphaels und Correggio7s. 
Vielmehr ist auch Tizian innerhalb feines durchaus malerischen Stils und feiner 
koloristischen Technik zugleich ein Meister der freien linearen Schönheit 
 und der grossen, idealen Auffassung. Beffer lässt es sich nicht sagen, als Jak. 
Burckhardt es im isCiceronecc gesagt hat: ssDer göttliche Zug in Tizian besteht 
darin, dass er den Dingen und Menschen diejenige Harmonie des Daseins ans 
fühlt, welche in ihnen nach Anlage ihres Wesens fein sollte oder noch ges 
trübt und unkenntlich in ihnen lebt; was in der Wirklichkeit zerfallen, zerstreut, 
bedingt ist, das stellt er als ganz, glückselig und frei dar. Die Kunst hat diese 
Aufgabe wohl durchgängig; allein keiner löst sie mehr so ruhig, so anfpruchss 
los, mit einem solchen Ausdruck der Nothwendigkeitcs. Aus diesen Eigens 
fchaften des Meisters erklärt es sich denn auch, dass die Kenner und Künstler 
der verschiedensten Richtungen in seiner Bewunderung übereinzustimmen pflegen 
und dass er sich bis auf den heutigen Tag eine praktische Geltung bewahrt 
hat, der sich kaum ein zweiter italienischer Meister rühmen kann. Dabei hat 
er sich so wenig wie sein Antipode Michelangelo durch auswärtige Einflüsfe 
seine jemals ernstlich beirren lassen. Seine Stilwandlungen find nur das organische 
S1iiii;Tii2i.1. Produkt feines eigenen Werdens und Wachsens. Wir werden sie im Ansch1ufs 
an die Schilderung seines Lebens daher auch am besten kennen lernen. 
seine DJgixmc2 l7ecEZZi wurde 1477 2J zu Pieve di cad0re, dem unweit der deuts 
HEROLD schen Sprachgrenze aus hoch über der Pieve aufragendem Bergkegel thronens 
den Alpenstädtchen inmitten der gewaltigsten Dolomitenlandfchaft geboren. Sein 
seine Vater Gregorio Vecelli, welcher einer angefehenen cadoriner Familie angehörte, 
Jugend. schickte ihn schon in seinem zehnten Jahre zu Verwandten nach Venedig. Diese 
sollen ihn zuerst zu einem wenig bekannten Mosaikarbeiter Namens Seb.Zuccato, 
dann aber, aus dessen Veranlassung, zu Gentile Bellini, von dem er jedoch 
bald zu dessen Bruder Giovanni übergegangen sein muss, in die Lehre gegeben 
Sein Stil. 
II Man vgl. Lmio7iim Dz2Zce9.e, eines Zeitgenossen Tizians, Brief an Gaspero Bal1ini, deutsch von 
EiZeZäzs,gey in deffen DQue1lenfchriftencc II, S. I14. In den1felben Bande die Uebersetzung von Lud0s 
vico Do1ce7s pL7AretinoT betite1tem Dia1og über die Malerei, der manchen Auffc111ufs über Tizian1 
befonders aber über die  bringt, welche in TizianS Kreisen mafSgebend waren. 
 2J Tizians eigene Angabe in dem bei Crowe u. Cava1cafel1e a. a. O. deutfc11 S. 673 abgec1rncks 
ten Briefe bestätigt die Nachricht der meiüen älteren Berichterfiatter.
        

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