Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei der Renaissance
Person:
Woltmann, Alfred Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1235000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1241244
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V iertes Buch. 
Abtheilung. 
zählt, kommt es ihm erst in zweiter Linie an; in erster Linie ist es ihm stets 
um die unverhüllte Form des menschlichen Körpers und ihre Bewegungss 
fähigkeit zu thun. Er bedarf keiner leblosen Ornamentik und keiner vis1onären 
Farbe. Die menschliche Gestalt genügt ihm, um alles auszudrücken, was er 
will. Er benutzt sie als Ornament, wenn es ihm passt; er stellt sie statt der 
Bäume in den Hintergrund, wenn es ihm einfällt; aber er versteht es auch, 
durch sie und nur durch sie die höchsten geistigen Probleme zu lösen. Durch 
ein so eingehendes Studium der Anatomie, wie es vor ihm und vielleicht auch 
nach ihm kein Künst1ersgetrieben, hatte er sich die gründlichste Kenntniss des 
menschlichen Körpers verschafft; und er benutzte, besonders in der zweiten 
Hälfte feines Lebens, diese Kenntniss, um die Muskeln feiner Leiber mit sous 
veräner Freiheit nach den Eingebungen feiner Phantasie in Thätigkeit zu 
setzen und dadurch neue, eigenartige Bewegungsmotive zu schaffen, welche in 
 der prachtvollen gegensätzlichen Vertheilung der Gliedmassen bis an die 
äusserste Grenze des anatomisch und mechanisch möglichen, niemals aber, wie 
ein bedeutender Anatom nachgewiesen hat, O über dieselbe hinausgehen. Es 
sind Bewegungsmotive und Stellungen, wie sie nur bei Zuständen völligen 
Selbstvergessens oder völligen Aufgehens in grosse Gedanken möglich sind, 
Formen und Bewegungen, auf welche die alten Griechen, welche nur die 
lebendig bewegten Leiber studirt hatten, nie gekommen wären; eben deshalb 
aber dienen sie Michelangelo auch, um ganz neue, spezifisch moderne geistige 
Stimmungen auszudrücken; eben deshalb offenbart er sich gerade in ihnen als 
SubjI,JsZ,Ität. der originelle, subjektive, ja willkürliche Meister, welcher, genau genommen, 
ausserhalb jedes Schulzusammenhanges steht und stets er selbst und, wenn feine 
Eigenheiten auch mit den Jahren zunehmen, nur er selbst ist. Aber feine 
Originalität ist stets auf7s Ergreifende und Mächtige, seine Subjelctivität auf7s 
Reine und Hohe, seine VVillkür auf7s Ernste und Erhabene gerichtet. Daher 
packte er seine Zeitgenossen mit unwiderstehlicher Gewalt; und daher erscheint 
er uns heute noch so neu, gross und eigenartig, als wären wir selbst die Zeugen 
seiner Entwicklung gewesen. 
sr3si; Michelangelo gehörte bekanntlich, wie Leonardo, zu den vie1seitigen grossen 
Renaissancemeistern; doch beschränkte seine Vielseitigkeit sich auf die Kunst. 
Er war sogar eine etwas einseitige Künstlernatur; als Künstler aber beherrschte 
TEOYFY;;YgFZ er die Architektur, die Bildhauerei, die Malerei und die Dichtkunst. Was er 
als Architekt geleistet, zeigt die Kuppel der Peterskirche in unvergänglicher 
sFaHds Schönheit. Was er der WVelt als Bildhauer gewesen, das bezeugen sowohl die 
 noch ziemlich schlicht im Anschluss an die Horentinischen Meister des I5.J3hk. 
hunderts geschaffenen Werke seiner Frühzeit, wie die Marmormadonna in 
Brügge, die Pietä in der Peterskirche zu Rom, der David in der Akademie 
von Florenz, als auch die subjektivseigenartigen Schöpfungen seiner späteren 
Tage, wie die vollendeten Stücke des Grabma1s Julius II, z. B. der gewaltige 
Moses in S. Pietro in Vincoli zu Rom, und vor allen. Dingen die Mediceers 
gräber in der Sakristei von san Lorenzo zu Florenz. Dass Michelangelo aber 
als Dichter. auch als Dichter weit mehr denn Dilettant gewesen, ist seit Guasti7s authens 
tischer Gesammtausgabe seiner Sonette, Madriga1e, Terzinen und Canzonen 
fJmJee. 
des Michelangelo 
Menfchen 
R0lk0ck 
1871.
        

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