Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei der Renaissance
Person:
Woltmann, Alfred Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1235000
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1241044
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VierteS Buch. 
Äbthei1ung. 
griffenen und packend grofsartigen Zügen; und realistifch ist der schöne, schlichte 
Raum behandelt von den Fenstern feiner Schmalfeite im Hintergrunde, durch 
welche man in eine hel1eBerglandfchaft hinausblickt, bis zu dem in freiesterSt0ffs 
lichkeit ausgearbeiteten Tafeltuche, welches den Vordergrund beherrfcht. 1ns 
dessen lassen die realistifchen Züge des Bildes fich von den idealiftischen, eben 
sweil beide aufs innigste verschmolzen sind, nicht trennen. Genau genommen, 
ist jeder Zug ideal und real zugleich. Auch hier ist das alte Geheimnifs der 
Poesie offenbart, das, was ausgedrückt werden soll, zugleich so treffend, deuts 
lich, natürlich und einfach wie möglich und doch im schönsten Zufammens 
klang von Reim und Rhythmus zu sagen. Vor allen Dingen gilt das von der 
ergreifenden dramatischen Lebendigkeit, mit der Leonardo in feinem Abends 
mahl den dargestellten Augenblick durch die Gruppenbildung, durch die Bes 
wegung jeder einzelnen Gestalt und durch den fprechenden Ausdruck jedes 
Kopfes charakterisirt hat. Goethe hat es Unübertrefflich gesagt: DDas Aufs 
regungsmittel, wodurch der Künftler die ruhig heilige Abendtafel erschüttert, 
find die Worte des Meisters: Einer ist unter euch, der mich verräth. AuSges 
fprochen sind sie, die ganze Gesellschaft kommt darüber in Unruhe; er aber 
 neigt fein Haupt, gesenkten Blickes; die ganze Stellung, die Bewegung der 
Arme, die Hände, alles wiederholt mit himmlifcher Ergebenheit die unglücks 
lichen Worte, das Schweigen selbst bekräftigt: Ja es ist nicht andersl Einer 
ist unter euch, der mich verräth.ce Von mächtigster Wirkung ist gerade der 
Gegensatz diefer ruhigen Haltung des Heilandes zu dem unter den Apofteln 
durch fein Wort hervorgerufenen Entsetzen, das fich in jedem Kopfe, in jeder 
Gestalt anders wiederfpiege1t, während Judas den Geldbeutel krampfhaft fests 
hält und nur mit dem gelinderen, aber nicht minder peinlichen Staunen des 
bösen Gewissens unwillkürlich feinen Herrn anblickt, den er verrathen. Hätte 
die Kunstgefchichte viele Werke von so allfeitiger Vollendung zu verzeichnen, 
wie dieses, so wäre ein Widerstreit tlieoretifcher Meinungen in der Kunstwisfens 
fchaft kaum möglich. 
 Die nächften fechzehn Jahre nach dem Sturze Ludovico il Moro,s waren 
rei:e;ZZ9. unruhige, vielbewegte Jahre in Leonardols Leben. Abwechselnd war er für 
die verschiedensten Fürsten thätig, abwechfelnd tauchte er in den verschiedens 
sten Städten 0bers und Mittelitaliens auf. Im Jahre I 500 finden wir ihn in 
Venedig; 1502 bereiste er als Kriegsingenieur Cefare Borgia7s die Romagna. 
Auch in Rom ist er wahrscheinlich um diefe Zeit zum ersten Male gewefen. 
In Florenz finden wir ihn 1503 wieder; und bis 15o6 betrachtete er feine 
Vaterstadt als feinen Wohnsitz. Dann kehrte er nach Mailand zurück. Durch 
die Vermittlung des Marfchalls von Chaumont, des statthalters König Luds 
i.e9x1mioim wig7s X1I. in Mailand, trat er I507 in den Dienst des vallerchristlichen Königsxk; 
kgJFYkEcZTZ und von jetzt an blieb die Lombardei, ja, wenn man will, Frankreich, feine 
Könige. Heimat. Doch kehrte er noch oft auf kürzere Zeit nach Florenz zurück und 
 verweilte I514 sogar eine Zeitlang in Rom am Hofe Leo7s X.; I5I6 endlich 
folgte er Franz I. nach Frankreich, von wo er nicht wieder nach Italien zus 
rückkehrte. 
veikHMLcss Von den Gemälden dieser Gefammtperiode feiner Thätigkeit gehören zus 
d;k ip:ä::2 nächst zwei, die er vor feiner Rückkehr nach Florenz geschaffen, nämlich ein 
I,eTisFkdoss. Porträt der Herzogin Ifabella Gonzaga von Mantua und eine Madonna mit
        

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