Volltext: Die Malerei der Renaissance (Bd. 2)

Buch. 
Driftes 
Abtheilung. 
Dritter Abfc11nitt. 
der Farbe und im Vortrage streben die Deutschen zunächst ihren Vorbildern 
so nahe wie möglich zu kommen; mitunter erreichen sie auch eine ähnliche 
F22s12e und Leuchtkraft im Col0rit, aber selten die wahrhaft malerifche EmpHndung, welcl1e 
MminWg7 den Niederländern eigen ist. Auch in ihren besten Leistungen zeigen sie fast 
niemals einen so grossen malerischen Reiz des Details. Sie zeichnen noch immer 
mit dem Pinsel, und desshalb verschwinden bei ihnen die Umrisse nicht, sons 
dern bleiben als scharfe, dunkle Linien bestehen. In der Ausbildung der 
L0c21ikeik. Localität, des lnnenraums wie der Landschaft, bleiben sie am meisten gegen 
die Handrische Schule zurück, deren Naturpoes1e, Luftperspective, Lichtwirkung, 
Stoffwahrheit, Schmelz und Duft der Formen sie nicht erreichen. Noch lange 
Zeit halten f1e ihre Hintergrunde ziemlich einfach und verwenden für die Fests 
tagsseiten der Altare regelmässig Goldgrund, wenigstens anstatt der Luft. Die 
c:imskkeise. Zeichnung zeigt den Handrischen Einfluss in den scharf individuellen Charakteren, 
unter denen bei den Deutschen allerdings in den HauptHguren aus der heiligen 
Geschichte manchmal noch der ältere ideale Typus nachlclingt, in der Bildung 
des Körpers mit seinen mageren Formen, besonders in den Extremitäten, ends 
lich in den eckigen Brüchen der Gewänder, Dagegen fehlt den Deutschen die 
Ruhe, Milde und Gemessenheit, welche in den flandrischen Bildern vorwiegt 
und am Schlusse dieser Epoche bei einem JlJcsJzzZziJszx, einem 67rm7rZ DzzZsZ2x7 immer 
stärker hervortritt. 
EkH.1dm1g. Bei lebhafterer Phantasie und reicherer Erfindungskraft haben die Deuts 
schen oft geistig mehr auszudrücken als die Niederländer, aber lassen deren 
feine Bildung, Sicherheit und Besonnenheit vermissen. Die Situationen, die sie 
 sind mannichsaltiger und bewegter, aber ihr theoretisches Wissen 
;I;I,JJ,JIF;, und ihre Formenkenntniss sind zu unzulänglich, um ihnen eine volle Verwirks 
lichung ihrer Intentionen möglich zu machen. Bald gerathen nach alterthijms 
licher Art die Figuren steif, die Bewegungen eckig und gezwungen, bald bricht 
der neue Naturalismus zu schrankenlos durch und verzerrt die Charaktere in 
das Fratzenhafte, die Motive in das Rohe und Uebertriebene. Da wird Kugler7s 
Wort I; wahr davon der halbfreigewordenen Kunst, welche die wildesten Vers 
suche macht, alle und jegliche Fesseln abzuwerfencc. Die Eurhythmie, die übers 
lieferten Proportionen, die Idealität des Ausdrucks, welche der mittelalters 
lichen Malerei bei aller ihrer Unvollkommenheit Stil verliehen, sind verloren, 
aber die volle Naturbeherrschung und die künstlerische Freiheit sind noch nicht 
 erreicht. So bleiben die Erzeugnisse dieser Periode weit gegen das Kölner 
Dombild und die verwandten Schö,pfungen zurück, in denen ein Schönheitss 
gefühl und eine Harmonie walten, welche den Werken der folgenden Generas 
tion mangeln. Freilich darf dabei nicht übersehen werden, dass auf der Bahn 
eines MsJZkyx FZZF,äcm doch kein weiterer Fortschritt möglich ist. Der Coms 
promiss zwischen dem mittelalterlichen Idealismus des Gefühls und der rea1istis 
schen Neigung kann in einzelnen Werken anziehend fein, aber zu keiner,Ents 
wicklung führen, für welche der entschiedene Realismus doch der einzige Weg 
bleibt. 
Handwerks, Das Bedenklichste am damaligen deutschen Kunstbetrieb ist aber seine 
1UWEWis Handwerksmässigkeit. Die eigentliche Kunstliebhaberei, durch welche in den 
Farbe und 
1IehancHung. 
Gefch. 
der Malerei, 
Aufl. I.
	        
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