Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1234714
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Zweites 
Buch. 
Periode. 
Vierter Abfchnitt. 
auch zum ewigen Verderben führt, ift aber auch hier das befchauliche Leben 
gegenübergeftellt in der Gruppe ganz rechts, die völlig jener Gruppe in der 
Spanifchen Capelle entfpricht. Unberührt von den Schrecken weilt auch hier 
eine Gefellfchaft im Garten, Männer und Frauen mit Hündchen, Falken, Saiten- 
fpiel, luftwandelnde Paare, auf dem Rafenteppich unter Granatbäumen 1). Das 
ift wieder das felige Dafein derer, welche die Sünde überwunden haben, und 
über ihnen fchweben Engel mit erlöften Seelen 2). 
Der Künftler, der hier fchuf, mufste fxch ganz dem Dienfte fcholaftifcher 
Symbolik fügen und nach dem Recept eines geifilichen Moralpredigers ver- 
fahren, aber in der Erfcheinung verfiand er über diefe kunfiwidrige Aufgabe 
zu triumphiren. Für Schilderung des Dafeins der Gottfeligen im Garten lieferte 
ihm das feine gefellige Leben der vornehmen Kreife die Modelle. Nach der 
Wirklichkeit belaufchte er die ftille Poeiie ländlichen Dafeins, die weltliche 
Stattlichkeit der Fürften, die Noth der Armen und Elenden. Mochte er auch 
im Allgemeinen noch am- Typifchen hängen, fo werden feine Geitalten doch 
in Tracht, Benehmen, Geberden charakteriiiifche Bilder ihrer Zeit, und auch 
im Thierleben ift eine gefteigerte Beobachtung des Wirklichen zu erkennen. 
In der Erfindung der Todesfigur erhebt der unbekannte Meifter {ich zu dämo- 
nifcher Gröfse. Er beherrfcht das Anmuthige wie das Tragifche und ordnet 
die mannigfachen Epifoden des Ganzen gefchickt bei wechfelnder Scenerie, 
deren landfchaftlicher Apparat allerdings noch ein höchft einfacher ift. 
Gelliiigäfteusnd Das folgende Bild, welches diefelbe Hand zeigt, ift gleichfalls in zwei 
Hölle. Abtheilungen, jüngiles Gericht und Hölle, gefchieden. Eine Neuerung in der 
Anordnung des jüngften Gerichtes ift die Coordinirung von Chriftus und Maria, 
die nebeneinander gekrönt in Mandorlen thronen; Chrifti Geberden find die 
traditionellen: er fammelt die Gerechten und weift die Verdammten von (ich. 
Unter ihm fchwebt zunächfl: eine Gruppe von Engeln mit Schriftbändern und 
 Pofaunen, in der ein kauernder und von Grauen ergriffener befonders ausdrucks- 
voll ift. Zu den Seiten Chrifti und Marias thronen die charaktervollen, tief- 
ernften Apoftel, über denen Engel mit den Marterwerkzeugen fchweben. Zu- 
unterft fäubern gewappnete Engel als himmliche Gensdarmerie den Platz. 
Auf Befehl des Oberfien wird ein Jüngling zu den Seligen hinübergeführt, 
Verdammte werden fchonungslos zu den Uebrigen geftofsen; einem Mönche, 
der erfl: aus dem Grabe kriecht, wird fchon der Weg ebendahin gewiefen. 
Alle Stände und Gefchlechter find hüben wie drüben vertreten. Im reinen, 
befeligten Anfchauen Gottes knien die zur Rechten Chrifti da, die zur Linken 
ringen die Hände, jammern, verhüllen das Geficht. Da greifen zu unterft 
furchtbare Klauen und Tatzen aus den Felsfpalten hervor und zerren die 
nächftehenden YVeiber nach fich, die {ich vergeblich firäuben. Diefe Epifode 
bildet den Uebergang zur Darfiellung der Hölle, die durch die Felfen abge- 
grenzt wird. Wie bei Dante ift fie in Regionen getheilt, durch alle Schichten 
geht aber die Figur des Satans hindurch, der in derfelben Action wie auf 
I) Farbendruck diefer Gruppe bei P. Lacmix: Les arts an moyen äge et ä. Päpoque de In 
renaiffance, zu S. 271. 
2) Die zwei Genien über den unten sitzenden, wohl erfl: durch einen Reßaurator mit den umge- 
Rürtzten Fackeln verfehen und in Liebesgötter verwandelt, haben urfprünglich vielleicht eine lnfchrift 
gehalten. 
GruPPe 
Lacmix  
moyen 
oque
        

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