Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1234430
Das 
fpiite 
Mittelalter 
Italien. 
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die nordifch-gothifche Manier, der er {ich {iärker als irgend ein italienifcher 
Maler der Zeit anbequemte: Hagerkeit und übertriebene Ausbiegung der 
GePralten, Haft in den Bewegungen, Uebertreibung der Motive und Häufung 
in der Compofition, wodurch feine wirklich grofsen Eigenfchaften, Schwung, 
Phantafie, Streben nach befeeltem Ausdruck, leiden. Giotto erfirebte keine 
folche Gegenfätzlichkeit gegen feine Vorgänger, aber gelangte durch Befonnen- 
heit und Klarheit zu wirklichem Fortfchritte. Während er volle Freiheit von 
byzantinifcher Manier erreichte, wufste er llCh doch auch von der nordifchen 
Gothik frei zu halten und entwickelte eine künftlerifche Sprache, die der echte 
Ausdruck des italienifchen Nationalcharakters iPt. In diefem Sinne trifft das 
Wort des Cennino zu, dafs Giotto die Malerkunit aus dem Griechifchen 
wieder ins Lateinifche gewandelt habe 1). 
Gi0tto's 
Schüler 
u nvd 
Nachfolger. 
Von der technifchen Tradition in Giotto's Schule geben uns die Aufzeich- Technifchc 
nungen eines fpäteren Nachfolgers Rechenfchaft, das Buch von der Kunft [Mammon 
oder der Tractat der Malerei von Cezmizzo Ceßmizzi aus Colle im Val d'Elsa 2). gamma 
Hauptfache fcheint ihm der Anfchlufs an einen grofsen Meiiter, in deffen ce""i"i' 
ganzen Luftkreis der Maler eindringen müffe. Nur einem dürfe er folgen, 
nicht etwa bald diefem, bald jenem. Freilich empfiehlt Cennino auch das 
Zeichnen nach der Natur und die tägliche Uebung in dernfelbcn, aber der 
Anfchlufs an Vorbilder Iteht für ihn in erfter Reihe. Für die Auffaffung des 
Körpers ftellt Cennino beftimmte Mafsverhältniffe feil; er theilt den Kopf 
vom Schädel zum Kinn in drei Theile und berechnet nach diefer Einheit alle 
Längen- und Breitenverhaltniffe der männlichen Geftalt, die bei ihm im Ganzen 
82f3 Kopflängen hat. Auch für das Landfchaftliche, Baume und Felfen, gibt 
er ganz allgemeine Vorfchriften. Bei Darftellung von Gebäuden äufsern {ich 
feine dunklen Vorfiellungen von Perfpectivei: die Gefimfe follen oben am 
Gebäude nach unten zu laufen, in der Mitte deffelben horizontal geführt 
werden, am Sockel nach oben anfteigen, und auch eine gewiffe Abtönung in 
der Farbe foll dabei itattfmden. 
Das Heifsige Zeichnen von Studien wird betont, und dabei wird wefentlich 
mit dem Silberftift auf grundirten Holztäfelchen oder auf Papier und Perga- 
ment gezeichnet, oft mit leichter Aquarellirung; das Paufen war im Gebrauche, 
befonders zum Uebertragen der Zeichnung auf die Mauer. Die wichtigite 
Technik der Schule ifi die Wandmalerei, ndie angenehmfte und fchönfte 
Arbeite; und hier zeigt fich nun Cennino im Befitze der Frescomalerei, die Frcsco- 
er als keine Neuerung anfieht, fondern als eine Technik, deren (ich der grofse malem 
Meifter Giotto bediente. Auf einen erften Bewurf wird die ganze Compofition 
mittels eines Quadratnetzes aufgezeichnet, dann wird ftückweife, foviel für 
einen Tag nöthig ift, ein neuer Bewurf aufgelegt, und mit Kalkfarben auf dem 
naffen Grunde, der für diefelben erforderlich ift, gemalt. Die Technik verlangt 
I) Cap. I: E1 quale Giotto rimutö Parte del dipilmgere di greco in latino. 
2) Il libro dell' arte 0 trattato della pittura di Cennina Ceßmini da Calle di Vrzlzleya etc. her- 
ausg. von Grzet. u. Carlo jllilanzzß, Firenze 1859. -Deutfche Ausgabe von A16. llg, Quellenfchriften 
für Kunügefchichte, I, Wien 1871.
        

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