Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1234405
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Zweites Buch. 
Periode. 
Vierter Abfchnitt. 
nicht zu Vernunft, Sitte, Tugenden und Kenntniffen, und eine Schande fei es, 
das Tugend zu nennen, was im Verfchmähen des Guten beftehe. 
Aber waren nun diefe Aufgaben einmal gegeben, fo griff fie Giotto eben doch 
mit vollem künftlerifchem Veritändnifs an. Er machte das rein Begriffliche mög- 
lichft anfchaulich, hob die Hauptfache klar hervor, ordnete die Gruppen an- 
gemeffen, liefs die Compoiitionen fich in guter Maffenwirkung aufbauen und 
ftilgemäfs den Raum füllen, zeigte endlich in der gefteigerten Klarheit der 
Farbe bei ilüffrgem Vortrage das feinfle Gefühl für das, was der dunkle Raum 
verlangte. 
Amäirfsin Ueber Anderes, was Giotto in der Unterkirche gefchaffen habe, drückt 
UnlerkirclumflCll Vafari ganz allgemein aus, indem er von fchönen, trefflich gemalten 
Bildern an den Wänden der Seiten redet. In der That erkennt man 
Giotto in den Bildern aus der Kindheit Chrifti, der Kreuzigung und einigen 
Scenen aus der Franciscuslegende im nördlichen Kreuzarme, und wenn 
Vafari von einem ftigmatifirten Franciscus über der Sacrifteithüre fpricht, der 
ihm bei feinem ergreifenden frommen Ausdrucke das Beile fcheine, was Giotto 
in Affifi gemacht, fo hatte er offenbar die Franciscusgeftalt neben einer Thüre 
im Sinne, die mit der einen Hand auf ein Skelet weift, an der anderen das 
Wundenmal zeigt. 
Unten Die Arbeiten Giotto's an manchen anderen Orten, wo feine "fhäfigkeit 
gääfääifm beglaubigt ift, in Rimini, in Neapel, wo er in S. Chiara und im Caftello dcll' 
Uovo gemalt hatte, find zu Grunde gegangen, cbenfo vieles, was er in feiner 
Florenz, I-leimath gefchaffen. Aber in Florenz lernt man ihn wenigflens noch in 
5' Wim einigen Werken aus feiner reifften Zeit und auf feiner vollen Höhe kennen, 
und zwar in der Franciscanerkirche S. Croce. Vier Capellen hatte er hier 
ausgemalt, in zweien find die Bilder zerftört, in zwei anderen aber erft in der 
neueren Zeit von der Tünche befreit worden. In derjenigen der Familie 
Cap. Bardi. Bardi ift die Franciscuslegende dargeitellt, weit geiftvoller und bedeutender 
als einft in Affifi. Nur wirklich malerifche Momente fmd ausgewählt, diefe 
aber echt dramatifch erfafst. Die Auseinanderfetzung mit dem Vater iil voll 
hAffect und Entfchiedenbeit der Situation. Die Architektur nimmt in den 
Hintergründen mehr Raum ein; ftatt blofser Andeutung find wirkliche Gebäude, 
in ihrem Organismus veritanden und in richtigerem Gröfsenverhältnifs, dargeflellt. 
Alle Ereigniffe find fo von innerem Leben durchtränkt, dafs die folgenden 
Generationen bis zum Schluffe des I5. Jahrhunderts bei diefen Gegenfiänden 
nur das von Giotto geifiig Feftgeftellte zu geben vermochten. Befonders gilt 
das von der Beweinung des todten Franz, deffen Wundenmale die Brüder er- 
regt betrachten, während Priefter und Chorknaben in ernftem Ceremoniell 
dabeiftehen. An der Decke find der Heilige in der Glorie und die Perfonifi- 
Cap.Peruzzi,C8.tlOI1CI1 der drei Franciscanergelübde zu fehen. Die Capelle der Peruzzi enthält 
an der Leibung des Bogens Propheten, am Gewölbe die evangeliftifchen Zeichen, 
an den beiden Wänden die Legenden Johannes des Iäufers und Johannes des 
Evangeliften, vielleicht das Befte, was von dem Meifter übrig ifl. Alle Com- 
pofitionen find breiter und figurenreicher als diejenigen in Padua, aber vor- 
trefflich in den Maffen abgewogen und ebenfo wie die dortigen durchaus 
geiftig belebt, von jeder müfsigen Zuthat frei. Zu den fchönfizen gehört das 
Gaftmahldes Herodes. (Fig. 128.) Ein Krieger, nicht das Mädchen, überbringt hier
        

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