Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1234318
Das 
Mittelalter. 
fpäte 
Italien. 
435 
Compofition des Jüngften Gerichtes, auf welcher vorn auch der knieende Stifter 
mit dem Kirchenmodelle zu fehen ift. Im Sinne des Mittelalters ift hier alfo 
der Gefammtinhalt der chriftlichen Lehre in der einheitlichen malerifchen 
Decoration eines Kirchenraumes ausgefprochen. 
Bei Gelegenheit diefes grofsen und ziemlich wohlerhaltenen Bildercyclus nimm-S 5,1l 
läfst (ich die Analyfe von Giotto's Stil am beften durchführen. Giotto zeigt fich 
zunächft als einen Meifter der monumentalen Malerei, indem er grofse Wand- 
flächen zu bewältigen, einen wohlthuenden Rhythmus in Eintheilung und 
Anordnung zu wahren und einen ruhigen, einheitlichen Gefammteindruck in 
Compofition und Farbe fowie in allem, was zur decorativen Wirkung gehört, 
zu erreichen wuiäte. Stofflich war ihm hier alles gegeben: die religiöfen 
Bilder wie die Perfonificationen, die Auswahl wie die Folge der Darftellungen. 
Sein Stil bewegt fichebenfalls innerhalb der Grenzen feiner Zeit. Köpfe und 
Gefialten {ind bei ihm typifch, wenn iie auch von der byzantinifchen Manier 'l'ypen. 
wie von deren Modif-ication durch Cimnbzze oder durch Durcio erheblich ab-  
weichen, und zwar ebenfo von der zarteren Bildung in Formen und Haltung 
bei jenem wie von den edleren Verhältniffen der Theile und dem {innigen 
Ausdruck bei diefem. Die Köpfe bei Giotto lind derber gebildet, eckig in 
der Unterpartie, mit vorn fiark ausladendem Kinn, ohne das fchöne Oval der 
Vorgänger; auch bei ihm iit der Mund klein, die AugenÄind gefchlitzt, ja 
oft etwas fchief gegen einander geftellt. Die Gefichter bleiben fich gleich, 
nur dafs der Unterfchied des Gefchlechtes und die Hauptabftufungen des 
Alters ihre befonderen, ftets wiederkehrenden Typen haben; ausnahmsweife 
und gelegentlich, wie im Jüngiten Gerichte, kommen individuellere Gefichter 
vor. Den Körpern fehlt noch das felbftändige Naturftudium, die Proportionen Körpcp 
der einzelnen Theile wurden, wie das fpäter zu erwähnende Lehrbuch des 2333,53? 
Cerznzäzo zeigt, durch feftilehende Mafsverhältniffe befiimmt. Die Hände find  
immer noch länglich, ohne Verftändnifs ihres Knochenbaues, die Füfse {ind 
fchwach und verfchwinden häufig unter der Gewandung. Die ganze Zeichnung 
ift noch conventionell, die Modellirung mäfsig. 
Ein merklicher Fortfchritt zeigt fich allerdings in der Gewandung. Die  
der byzantinifchen Manier eigene peinliche und mechanifche Nachahmung 
antiken Faltenwurfes mit dem kleinen Gefält naffer Gewänder ift aufgegeben, 
ebenfo das gefucht Schwungvolle und in den Unterpartien Spitze oder 
Gehäufte der Gewänder bei Cimabue. Giotto ordnet fie malerifch breit, in 
grofsen Maffen, unten ziemlich gerade verlaufend, dennoch voll Liniengefühles. 
Lafferl {I6 aUCh den Bau des Körpers nicht im Einzelnen zur Geltung kommen, 
fo gewähren fie doch im Ganzen einen deutlichen Nachklang der Bewegungen. 
Die antike Idealtracht überwiegt bei den Geftalten der heiligen Ueberlieferung, 
die Motive des Zeitcoftümes kommen feltener als im Norden zur Geltung. 
Die Thiere {Fig. 123) find mechanifch und hölzern wiedergegeben, in den 'I'hierc. 
Bewegungen lahm, im Widerfpruche zur Realität viel zu klein gegen die 
Menfchen, weil fie der KünPder eben nicht um ihrer felbfi willen darftellte, 
fondern nur als ein Beiwerk anfah, das zur Verdeutlichung beftimmter 
Vorgänge erforderlich war. 
 In der Compofition vermied Giotto überall eine gröfsere Abfiufung der Compofltion. 
Pläne, wodurch er dem befchränkten perfpectivifchen Gefühle feiner Epoche
        

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