Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1234162
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Zweites Buch. 
Periode. 
Vierter 
Abfch 
der {iädtifchen Gemeinwefen und gründete feine Geltung nur auf Befitz und 
reale Macht. Auch die Stoffe der ritterlichen Dichtung blieben für die italie- 
nifche Malerei bedeutungslos, und ebenfo waren ihr der volksthümliche Humor, 
die phantaflifche Laune und Schalkhaftigkeit des Nordens fremd. Auch die 
Dichtung in der Volksfprache, deren grofsartiges Autleben dem Auffchwunge 
der bildenden KunIt voranging, bot diefer keine neuen Stoffe. Dante's 
Göttliche Komöde erfüllte jahrhunderte lang die Seele der Künftler und bildete 
ihre geifiige Nahrung; aber die Vorftellungen, die fie weckte, konnten, foweit 
{ie nicht mit den kirchlichen zufammenfielen, doch nur zu einer bildwidrigen 
Phantafiik führen. Die Stoffe der Malerei waren in Italien noch ausfchliefs- 
licher als im Norden die kirchlichen, aber ihre Auffaffung wurde eine andere. 
So fehr auch die warme Religiofität das Volk durchdrang und fich unter dem 
Eintluffe der neu entftandenen Bettelorden bis zur Schwärmerei fteigerte, fo 
war doch die myftifche Süfsigkeit, die wir im Norden gefunden, der italie- 
nifchen Malerei fremd, und felbft die feelenvolle Zartheit des Ausdrucks iPc 
höchftens die Eigenfchaft einzelner Meifter oder Schulen. Auch in den heiligen 
 Gegenfiänden läfst der Italiener reale Empfindungen und Leidenfchaften zum 
Ausdruck kommen, wirkliche Handlungen und Verhältniffe des Lebens fich 
lndiviiluali- fpiegeln. Das Gefühl für die Bedeutung und Kraft der Individualität, die ErbJ 
m" fchaft des claffifchen Alterthums, brachte {ich im Gegenfatze zur chrifllich- 
mittelalterlichen Weltanfchauung hier früher als bei anderen Völkern zur Geltung 
und war auf geiiligem Gebiete fchöpferifch, während im äufseren Leben der 
rüekfichtslofe Freiheitfinn des Einzelnen zur Willkür, zur Selbftfucht und zum 
Verachten aller {ittlichen Schranken führte. 
Gefchiuht- Nach dem Untergange der Hohenftaufen exiftirte die Kaifermacht für 
venliiciliiiirre. Italien nicht mehr, der Römerzug Heinrich's VIL, den Dante hoffnungsvoll 
begrüfst hatte, fcheiterte an der Unzulänglichkeit der Hilfsmittel und an dem 
frühen Tode des Kaifers. Das Papitthum war fähig gewefen, die höchfte politifche 
Autorität zu untergraben, aber nicht fie zu erfetzen; dafs es {ich in die Partei- 
kämpfe hatte hineinziehen laffen, wurde fein Schickfal. Der Verfuch Boni- 
facius' VIII., die volle Autorität der Kirche zu wahren, überdauerte fein Leben 
nicht; das Papfithum das {ich im Kampfe mit den Hohenftaufen dein fran- 
zöflfchen Haufe in die Arme geworfen, gerieth in Abhängigkeit von diefem, 
und fein Sitz wurde durch Clemens V. von Rom nach Avignon verlegt. 
Alle Landfchaften, ja felbft die einzelnen Gemeinwefen waren von Parteiungen 
zerriffen, in welchen die alten Namen Guelfen und Ghibellinen nicht mehr die 
 päpftlichc und die kaiferliche Partei, fondern nur die rein localen Gegenfiitze 
bezeichneten. Diefe Zufiände fchildert das Wort, welches Dante im fechften 
Gefange des Purgatorio dem Sordello in den Mund legt: 
xdividual 
räm. 
Geknechtetes Italien, Haus des jammers, 
Schiff ohne Steuermann im wilden Sturme, 
Nicht Herrfcherin, nein Buhlerin der Welt. 
Nie der Gewaltthat und des Krieges fatt 
Zerfleifchen {ich die in dir Lebenden, 
Auch die Ein Graben und Ein Wall umfchliefst. 
Aber diefe Wirren und Kämpfe waren 
fondern nur Ausartungen des Kraftgefühles 
keine Aeufserungen der Barbarei, 
und des Freiheitsdranges, und fo
        

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