Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1233800
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Buch. 
Zweites 
Periode. 
Zweiter 
Abfchnitt. 
Einzelgeftalten, die repräfentirenden und fymbolifchen Compofitionen fchliefsen 
{ich zu einem grofsartigen epifchen Cyclus zufammen, der den Gefammtinhalt 
der chrifllichen Lehre entwickelt. Von der Weftwand, in der oben ein grofses 
Anordnunß-Radfeniier zu ftrahlen pflegt, ziehen fich die Bilder in ruhigem Verlaufe in 
den Seitenfchifffenfiern und den Oberfenftern des Mittelfchiffes entlang, zwifchen 
denen {ich noch eine dritte Bilderreihe in kleinem Mafsflabe befinden kann, 
falls auch die Triforien oder Laufgänge über den Arcaden durchbrochen ge- 
bildet find. Die grofsen Fenfler der Querhausfronten gewähren dann für be- 
fonders reiche, in {ich abgefchloffene Darfiellungen Raum, und endlich findet 
das Ganze in dem Chore mit feinem Capellenkranze Ziel und Höhepunkt. 
In keiner einzigen Kathedrale ifl diefer Cyklus vollftändig erhalten; dennoch 
geben namentlich einige franzöfifche Monumente noch ungefähr ein Bild von 
Kathedrale der urfprünglichen Decoration; vor allen die Kathedrale von Chartres mit 
ciiägiles. ihren 146 Fenftern, die gröfstentheils dem I3. Jahrhundert angehören l). Ob- 
wohl lie in vollkommen entwickelter Gothik ausgeführt iPr, hat fie doch noch 
keine eigentlichen Mafswerkfenlier, fondern, als Vorftufe zu folchen, Fenfler- 
paare und über denen des Obergefchoffes Ptets ein grofses Radfenfter. An der 
Hauptfront enthält die Rofe über den drei bereits befchriebenen älteren 
Fenftern das JüngPce Gericht, das auch bei Wandmalereien feine Stelle an der 
Weflwand zu finden pflegte. Weiterhin zeigen die Oberfenfler gröfstentheils 
Einzelgeftalten, Propheten, Apoftel, Heilige, die unteren Fenfter Paflionsdaritel- 
lungen, die Gefchichte jofephs, die Legenden des jacobus, Nicolaus, Euiiachius, 
Stephanus, St. Thomas von Canterbury und vom heiligen Hemde der jung- 
frau, eine Erzählung, in der Karl der Grofse eine Rolle fpielt; fodann die 
Gefchichte vom verlorenen Sohne, die ähnlich auch in den Kathedralen von 
Bourges und Sens vorkommt 2). Die Erzählung ift breit, behaglich, epifoden- 
reich, auch bei wenigen Figuren anfchaulich. Ein ähnlicher Ton wie in den 
altfranzöfifchen Fabliaux iPt bei der Schilderung vom lockeren Leben des ver- 
lorenen Sohnes angefchlagen (Fig. 110). Da wird gekoft, gefpielt, und zwar 
auf einem Damenbrette, das bei dem Mangel jeder Perfpective fenkrecht fteht, 
getafelt und dazu aufgetragen, bis die Schönen endlich den ausgeplünderten 
Jüngling aus dem Bette auf die Strafse fetzen. Alles ift in dem zierlichen 
Gefchmack, den weichen, gefälligen Motiven gehalten, die wir aus den Minia- 
turen diefer Periode kennen. 
Genrehaftes. Die hier hervortretende Neigung zum Genrehaften findet aber auch an 
anderer Stelle Raum. Die Fenfter wurden nicht aus der Caffe der Bauhütte be- 
ftritten, fondern waren fromme Stiftungen von Einzelnen und von Corporationen. 
Während die Privatperfonen als Stifter in den unteren Abtheilungen ihres 
Fenflers zu knieen pflegten, verewigten die Zünfte fich dadurch, dafs fie die 
Verrichtungen ihres Handwerkes darilellten. S0 fehen wir in Chartres wie 
in Bourges und Amiens die Maurer und Steinmetzen, die Zimmerleute, Tifch- 
ler, Bötticher, Schufter, Fleifcher, Seiler bei ihrer Arbeit; der Huffchmied be- 
I) Lassus et Dzwal: Monographie de la cathedrale de Chartres, unvollendetes Praclltwerk 
zahlreichen vorzüglichen Tafeln, zum Theil in Farbendruck. Aufserdem, für Chartres wie faft für 
franzöfxfchen Denkmäler das S. 307 citirte Werk von Lzzsleyrie. 
2) Vgl. das unten citirte Werk von Calzier und Martin. 
mit 
alle
        

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