Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1233562
350 
Buch. 
Zweites 
III. 
Periode. 
Erfier 
Abfchnitt. 
Leben des Das dreibändige Leben des heiligen Dionyfius in Paris (bib. nat. 
niiiiiiäuafrangais 2090-2092) wird durch das Dedicationsbild am Anfange des eriien 
 Bandes: König Philipp v., 1161 Lange (1316-1322), dem der Abt Aegi- 
dius von Saint-Denis den Codex überreicht, ficher datirt. Hier ift die 
Auffaffung der legendarifchen Scenen bei übertriebener Ausführlichkeit der 
Erzählung ziemlich einförmig, die Geziertheit der Motive faft noch auffälliger, 
aber originell (ind die kleinen Bilder, die in einer Art Predella unter den 
Gcm-cftenen gröfseren überall wiederkehren. Da wird der Schauplatz durch eine Dar- 
fiellung der Stadt Paris mit Häufern und Befeftigungen am Fluffe angedeutet, 
und diefe Scenerie wird durch immer wechfelnde Motive aus dem täglichen 
Treiben belebt, im Waffer fehen wir Kähne und Badende, in den Häufern 
den Goldfchmied bei der Arbeit, den Wechsler beim Gefchäfte; der Müller 
trägt feine Säcke, der Bettler fucht fein Brod an den Hausthüren, Waaren 
werden ausgeladen, über die Brücke fährt ein Rollwagen, oder reitet ein Ritter. 
mit dem jagdfalken. Das find Anfänge einer wirklichen Genremalerei. Zu- 
gleich wird das reizende Rankenwerk mit den kleinen realiftifchen Blättern 
am Rande durch Vögel, die {ich auf den Zweigen wiegen, Drachen und phan- 
taftifche Einfälle belebt. 
Drölcries. Diefe launigen Einfälle oder vdröleriesu am Rande nehmen von jetzt an 
immer mehr überhand und treiben felbft in l-landfcliriften ernften Inhaltes ihr 
fchalkhaftes Spiel. Da gucken Larven aus den Ornamenten hervor, und aus 
den Ranken entwickeln fich phantaftifche Halbmenfchen. Abenteuerliche 
Ungeheuer necken fich oder kämpfen miteinander. Momente aus Thierfabel 
und Thierfage "kommen vor, der Affe hat den Menfchen an der Kette und 
läfst ihn tanzen, Affen halten Schule, ein Hafe trägt den Jäger am Spiefse, 
eine Burg wird von Hafen belagert. Das find die Gegenfiande der Lügen- 
märchen, der verkehrten Welt, welche die Malerei aus der Dichtung ihrer Zeit 
entnahm. 1) ]agd-, Turnier- und Liebesfcenen, Mönche und Bifchöfe, Hirten 
und Schützen, Gaukler, Bettler, Nonnen fmd eingeitreut. Der phantaflifche 
Humor beanfprucht hier ebenfo wie an den Wafferfpeiern der gothifchen 
Kirchen, an den Sitzen der gefchnitzten Chorftühle feinen Platz. Als Bücher, 
in denen diefe Dröleries befonders keck und gefällig auftreten, nennen wir 
Janääizrcher zwei grofse lateinifche Bibeln, die Jaromirfcher Bibel, eine Handfchrift 
Prag: franzöfifchen Urfprungs im Böhmifchen Mufeum zu Prag 2), und eine drei- 
Bibel aus bändige lateinifche Vulgata in der öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart (Fig. 
siiilfigsaa, 101), zu Mons (Bergen) im Hennegau gefchrieben 3). Alles übertrifft aber in 
 
I) Grimm, Kinder- und Hausmärchen III, 239-242, Nachweifungen. Ulzland, Schriften, III, 
223 ff, WO bereits die Randzeichxlungen in den Handfchriften herangezogen werden. 
2) Hanka, der vEntdecker-a der Königinhofer Handfchrift, hat flavifche Schreiber- und Illuminator- 
Namen nebß Jahrzahl hineingefälfcht und das Werk als ein böhmifches in Anfpruch genommen. 
Vgl. des Verf. Auffatz nZur Gefchichfe der böhm. hiiniaturxxxalereiu, Repertorium für Kunfiwiffexxfclmaft 
II (1877), I. Nach einer Notiz vom Ende des I4. Jahrhunderts war es fchon damals im Beütze des 
Klofters Jaromirfch in Böhmen.  
3) Bibl. folio ga-c.  Im zweiten Bande fleht in gleichzeitiger Schrift auf der erfien Textfeiter 
nCeleftinorum de caitrise und am Schluffe: vIste liber est montis de Castis ordinis Celeßinoruma. 
Mons Castrilueus oder Mons castrum ifl Mons, vgl. Gesta episc. Cambr. M011. Germ. SS. VII  
Von Waagen, Handbuch I, 45, als deutfch angeführt. Proben bei Kugler, kl. Schriften I, 63 B",
        

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