Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1233506
344 
Buch. 
Zweites 
Periode. 
Grenzen des Ausdruckes, die wir kennen lernten, auch da kaum überfchritten. 
S0 fehr die Maler auf Anfchaulichkeit ausgehen, fo gelingen ihnen doch die 
dramatifchen Handlungen, die Situationen, welche entfchloffene T hatkraft 
fordern, weit minder, als diejenigen, in denen {ich ein reines Stimmungsleben 
entfaltet.  
Humor. Neben dem Sinne für das Anmuthige tritt zugleich die Neigung zum 
Schalkhaften und Launigen auf; wie die ritterliche Dichtung wird auch die 
Thierfabel zum Stoffe; manche Motive aus dem täglichen, bürgerlichen Leben 
kommen hinzu. Oft nur an befcheidener Stelle, aber keck und lebendig wagen 
{ich folche Einfälle hervor, und felbft phantaftifche Gebilde verlieren jetzt das 
Gepräge des Dämonifchen, das durch das Spiel des Humorsverdrängt wird. 
vgizräfä; Die Blüte der gothifchen Architektur war mit dem I 3. Jahrhundert vorüber, 
gen. und foweit die Malerei unmittelbar im Dienite der Baukunft Iteht, kann man 
von ihr daffelbe fagen. Davon abgefehen aber erfcheinen die Wandlungen, 
welche {ie feit dem I4. Jahrhundert erfährt, keineswegs als Entartung, fondern 
zugleich als Schritte zu einer neuen Entwicklung. Allerdings nimmt mit der 
Iäätjfgirelfä" fpäteren Gothik die Handwerksmäfsigkeit zu. Schon die architektonifchen 
Stilbedingungen arbeiten diefer in die Hände, {ie verlangen die plaftifche und 
malerifche Decoration in fo verfchwenderifcher Fülle, dafs nur fchnellfertige 
Arbeit diefen Anforderungen genügen kann, und bannen die Malerei dabei 
in fo enge Umrahmungen, dafs {ie nicht immer eine freie künitlerifche Selb- 
{tändigkeit zu gewinnen vermag. 
P1352333?! Ferner fteigert {ich die Neigung zum Schlanken und Weichen bis in das 
Uebertriebene. Auch hierauf war die gothifcheArchitektur, deren Höhentendenz 
immer einfeitiger hervortrat, die in conftructive Spielereien, in eine Neigung 
zum Leichten und Eleganten bis zur Verilüchtigung der Maffen veriiel, von 
Einflufs. Da wird die zarte Biegung der Geftalt zur unnatürlichen Krümmung, 
der Ausdruck, der {ich zum Milden und Zarten neigte, wird weichlich und 
fentimental. Die Ausartung der höfifchen Sitte, das Ueberreizte und Gezierte 
im Leben finden, wie in der Dichtung, fo auch in der Kunft ihr Widerfpiel. 
Anfänge des Endlich entfaltet fich auch der fchon vorhandene Keim zu realiftifcher 
Realismus" Auffaffung. Die Künftler wagen bereits dreifiere Griffe in die Natur und die 
Wirklichkeit, ja es beginnen jetzt die erften Verfuche zu individueller Auffaffung, 
befonders in den Zügen des Gefichtes. Wo Plaftik und Malerei im Dienfte 
der Architektur ftehen, tritt damit gewöhnlich nur eine gefteigerte Verderbnifs 
des Stiles ein; mit den übertrieben weichlichen, allzufchlanken Bildungen 
können folche naturaliftifche Regungen {ich nicht harmonifch verbinden. 
Auch tritt der Naturalismus nur unzufammenhängend auf und beruht zu wenig 
auf wahrer Kenntnifs der Natur, um es zur Selbiiändigkeit zu bringen. Immer- 
hin bereitet er den vollfiändigen Umfchwung der nächften Epoche vor, und 
auch die Lockerung des Verhältniffes zwifchen der Malerei und der Baukunft 
hat ihren Vortheil, denn jene lernt dadurch ihre eigenen Stilbedingungen ahnen. 
In der zweiten Hälfte des I4. Jahrhunderts tauchen dann wieder die erften An- 
fange wirklich malerifcher Auffaffung auf, deren Begriff ganz verloren gegangen 
war: die erften Verfuche, über den Eindruck der Fläche hinauszugehen, die Ge- 
{ialten wirkungsvoll zu modelliren und fie zur Umgebung in Verhältnifs zu 
fetzen.
        

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