Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1233488
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Zweites Buch. 
Periode. 
aus diefer Periode faft in geringerer Zahl als aus derjenigen des romanifchen 
Stiles, in welcher Chroniken und felbft Infchriften häufiger den Namen eines 
kunftfieifsigen Mannes, befonders eines folchen, der in einem Klofter fchuf, 
überlieferten. jetzt ift aber die Kunft ein bürgerliches Gefchäft, ein Erwerbs- 
zweig. Der Einzelne nimmt inmitten der Corporation befcheiden feine Stellung 
ein und denkt nicht daran, perfönlich vor feinen Genoffen hervorzutreten. 
Wräplicher Kommt aber auch nicht der einzelne Künftler in feiner Individualität zur 
um Geltung, fo doch der Stand, dem er angehörte. Die bürgerlichen Meifter find 
von einem ftrebfamen, frifchen Geifle erfüllt. An dem Ueberlieferten halten 
fie mehr aus Uebung und Handwerksbrauch als in Folge von Abficht und 
theoretifchem Studium feft. Sie ftehen mitten im Leben, fie verkehren mit 
der Natur und nehmen ihre Eindrücke auf; ihre Phantafie war von der Dich- 
tung mit neuen Vorftellungen und Empfindungen erfüllt worden und ward 
immer aufs neue von der Feftluft der Zeit, der felbft alle Vorkommniffe im 
kirchlichen und im Staatsleben zum Schaufpiele wurden, genährt. Ein Zug der 
Lebensluft, der üppigen, oft derbfinnlichen Genufsfreude durchdringt alle 
Claffen und bleibt felbft dem geiftlichen Stande nicht fremd, wird oft von der 
kirchlichen Askefe überwältigt, die jetzt befonders leidenfchaftliche Formen 
annimmt, aber wacht immer wieder im Gegenfatze zu derfelben auf. 
Neue igßli- Die bisherige Kunft hat wefentlich nur Einen Ausdruck gekannt: den der 
gmman Feier, der kirchlichen Strenge, der gottbewufsten Erhabenheit. Diefer ift jetzt 
erlofchen, und mit ihm viel von der früheren Herrlichkeit chriftlicher Kunft. Wo 
der theologifche Geift fich geltend macht, ift der Einf-lufs der Scholaftik wahr- 
nehmbar, die auf künflliche Verknüpfung und Zufammenftellung der Gegenftände, 
wie wir fie in den Bilderbibeln finden werden, auf rnyftifche Vorftellungen 
ausgeht und gerade dadurch die ruhige Einfachheit der älteren Kunft zerftört. 
 Die ftarke religiöfe Empfindung, welche das ganze Mittelalter durchdringt, 
waltet auch jetzt noch, ja fie ift, der Zeitftimmung entfprechend, fogar zu einer 
erregten Begeifterung gefteigert. Aber der Menfch unterwirft fich ihr nicht mehr 
blindlings, jedes eigenen Willens fich entäufsernd, fondern nimmt fie in fein 
Bewufstfein auf. Die heiligen Geftalten rückt er dem Verftändnifs näher, er 
läfst fie menfchlicher und in milderer lrVürde erfcheinen und rein menfch- 
liche Empfindungen, Frömmigkeit, Hingabe und Liebeswärme, ausathmen. 
Die Demuth, _das Gefühl der Unzulänglichkeit dem Göttlichen gegenüber, 
waltet vor, aber ihre Starrheit ift überwunden, und fo bleibt jetzt für- eine 
beftimmte Stufenleiter des Empfindungsausdrucks Raum, deffen Befcheidenheit 
anzieht und deffen Naivetät feinen Reiz bildet.  
Zäpgäraiif Will nun der Künftler bei der Darftellung menfchlicher Geftalten, ein- 
zeln oder in beftimmten Gruppen und Scenen, eine Sprache der Empfindung 
entwickeln, fo gibt es dafür nur Ein Mittel: eine genauere Auffaffung der 
Natur. Freilich bleibt die Naturkenntnifs auch jetzt noch eine fehr bedingte, 
der Maler gelangt noch nicht dazu, die Natur zu ergründen und zu bewältigen, 
aber er öffnet ihr gegenüber fo weit das Auge, wie das Empfindungsleben, auf 
deffen Darftellung er ausgeht, es verlangt, denn nicht um ihrer felbft willen, 
fondern nur als das Mittel, um beftimmte Empfindungen auszudrücken, werden 
die Dinge der Wirklichkeit wiedergegeben. Für die Art, wie die Künftler des 
13. Jahrhunderts ftudirten, gewährt uns das köftliche Skizzenbuch des franzöfi-
        

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