Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1230165
Erftes Kapitel. 
der Fifch oder auf dem der Vogel fich befindet, als fchmale, ifolirte Wafferfäule 
fenkrecht in die Höhe geführt. Am charakteriftifchfien bleibt jedoch jene merk- 
würdige Vermifchung von Grundrifs und Aufrifs, Wobei die einzelnen Gegen- 
fiände auf ihrer Grundlinie im Aufrifs in die landkartenartig ausgebreitete 
Gegend hineingezeichnet werden und es {ich nur nach fymmetrifcher oder 
anderer räumlicher Convenienz zu richten fcheint, nach welcher Richtung von 
ihrer Grundlinie fie fallen, indem fie bald aufrecht Pcehen, bald mit ihrem oberen 
Theile nach unten gekehrt oder feitwärts nach rechts oder links gelegt werden. 
In klarfter Weife veranfchaulicht uns von den monumentalen Darftellungen 
wohl ein bekanntes Gemälde einer Grabcapelle zu Abd-el-Qurna diefe Manier. 
Es flellt den Bau des Ammontempels dar und unter Anderem gelbe Leute, welche 
aus einem viereckigen Baffin Waffer in grofsen Krügen fchöpfen (Fig. 2.) Das 
im Grundrifs gezeichnete Wafferbecken ift an allen vier Seiten von einem Rafen- 
ftreifen eingefafst; und auch diefen legte der Maler an allen Seiten in gleicher 
Breite, alfo ebenfalls grundrifsartig an. Um das Bafsin follten nun aber auch 
fchattenfpendende Bäume wachfen, fechs an jeder Seite, vierundzwanzig im 
Ganzen. Der Maler fcheute (ich nicht, auch fie nach allen vier Seiten von der 
Grundlinie, auf der fie wachfen follen, abftehen zu laffen, fo dafs nur die Bäume 
am jenfeitigen (fcheinbar oberen) Ufer des Baffins aufrecht flehen, diejenigen 
des diesfeitigen Ufers aber mit den Wipfeln nach unten wachfen, u. f. w. Dafs 
der Maler auf diefe Weife feinen Zweck nicht erreichte, wird man nicht be- 
haupten können; aber er verzichtet von vornherein auf jeden Verfuch einer 
perfpectivifchen Darftelltlng, die vielmehr in ihr volles Gegentheil verkehrt 
wird. Mit nüchternem und ganz unmalerifchem Sinne wird ein Verfahren ein- 
gefchlagen, zu deffen Lobe fich eben nichts weiter fagen läfst, als dafs es 
verfländlich ift. 
Anordnung Unter diefen Umftänden kann von einer feften Umrahmung einzelner, 
dglnlirää" gefchloffener Bilder kaum die Rede fein. Vielmehr iit die Anordnung inner- 
halb der riefigen Wandflächen, die von oben bis unten mit farbigen Dar- 
Prellungen bedeckt ünd, im Wefentlichen in horizontalen, unten breiteren, oben 
fchmaleren Streifen vorgenommen. Doch werden diefe Reihen oft von 
gröfseren Gestalten unterbrochen; und wenn auch die Symmetrie, wo fie noth- 
wendig ift, wie an den beiden Pylonen, zwifchen denen unter dem Symbol 
der geflügelten Sonnenfcheibe die Tempeleingänge liegen, in Linien und Farben 
in einer für den decorativen Eindruck genügenden Weife gewahrt ift, fo ifi 
die Anordnung der figürlichen Darftellungen, bei allem fteifen Aufmarfchiren 
hundertmal wiederholter Geflalten im Einzelnen, im Ganzen doch eine fo freie, 
dafs man es verfteht, wie Schnaafe fagen konnte, die plaftifche und malerifche 
Verzierung fchliefse fich nicht wefentlich an die ägyptifche Architectur an, 
fondern fei felbitändig und fpiele gleichfam auf den grofsen Wänden umher. 
Bedenkt man ferner, dafs der erile Zweck aller diefer grofsen Malereien zu 
fein fcheint, der Nachwelt Berichte, Befchreibungen, Erzählungen zu über- 
liefern, dafs die Gefchichte ihre Dienfte mindeftens in demfelben Grade in 
Anfpruch nimmt, wie die Architektur, ja, dafs fie mitunter gar nur Illuftra- 
tionen zu den hieroglyphifchen Riefeninfchriften find, die mit ihnen zugleich 
die Wände bedecken und vielfach räumlich, nicht fachlich, in fie übergreifen, 
fo verfteht man auch, wie Semper diefe bunten Wände als mächtige Schreib-
        

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