Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Malerei des Alterthums
Person:
Woermann, Karl Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1229470
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1232841
278 
Zweites Buch. 
II. Periode. 
Erfter Abfchnitt. 
liche Darftellungen, die Krönungen an den Seiten jedes Bogens werden durch 
fymmetrifche Vögel oder noch häufiger durch Allegorien der Tugenden, als 
Frauengeftalten oder Figuren in ritterlicher Rüftung, gebildet; manchmal be- 
fiegen diefelben die Lafter; fo fticht der Glaube, eine heroifche, faft nackte 
Geftalt, das Heidenthum nieder. Hierauf folgt ein Widmungsblatt, oben die 
feierliche Madonna mit dem Kinde zwifchen Johannes dem Täufer und Bar- 
tholomäus, unten die Schutzheiligen von Braunfchweig, Blafius und Aegidius, 
welche Herzog Heinrich und feine Gemahlin Mathilde bei der Hand führen. 
Vor jedem Evangelium befinden {ich zunächft mehrere Seiten mit Bildern aus 
dem Neuen Tefiamente, meift je zweien, in reichen Umrahmungen mit Eck- 
medaillons, die gewöhnlich Perfonen des Alten Teitarnentes oder Symbole, wie 
Pelikan und Phönix bei der Grablegung und den Marien am Grabe, enthalten. 
Dann folgt der Evangelift mit feinem Symbol, meift in ausdrucksvoller Gruppi- 
rung; fo kniet der Engel, faft nackt, vor dem Matthäus und reicht ihm das 
Buch dar. Den Anfang des Textes bilden ftets mehrere Seiten mit verzierter 
Schrift, prächtiger Farbe und fchönen Initialen. Bei der Kreuzigung ftehen 
auch hier Kirche und Synagoge unmittelbar neben dem Kreuze. Das drittletzte 
Bild, vor dem Johannesevangelium, zeigt, inmitten ihrer Vorfahren, Heinrich 
und Mathilde, welche die Kronen des Lebens empfangen; in der oberen Ab- 
theilung Chriftus in der Glorie zwifchen Engeln und Heiligen. Auf dem 
nächften Blatte erfcheint der Heiland in der Mandorla zwifchen den Evange- 
liftenfymbolen und fechs Kreifen mit Darftellungen der Schöpfungstage. Die 
Momente find gut gewählt, die Compofitionen felbftändig, und bei gröfserer 
Figurenzahl klar. Da fie nie in die Tiefe gehen, fondern die Geftalten meift 
in einer Fläche ftehen, fallen die perfpectivifchen Mängel nicht auf. Die 
fchlanken, mafsvoll bewegten, doch niemals fteifen Figuren find fogar im 
Nackten ungewöhnlich gut, nur die Fufse erfcheinen fchwächer; die Gewan- 
dung ift einfach und edel, die Köpfe find von glücklicher Bildung, wenn auch 
ganz typifch. Die modellirende Gouachemalerei zeigt vollendete Gleich- 
mäfsigkeit und fatte Kraft. 
Evangelia- Dafs diefer Codex in jenen Gegenden nicht vereinzelt daftand, wenn er 
1211331. auch der fchönfte erhaltene ift, beweift ein Evangeliarium mit den Evangeliften 
f"hw'e'g' und einzelnen biblifchen Bildern aus dem Braunfchweiger Dome, jetzt im Mu- 
väägläiecrh feum dafelbft. Wenn wir erwägen, welchen Auffchwung die monumentale Plaftik 
111mm. damals in Sachfen nahm, werden uns auch folche Leiftungen der Malerei nicht 
überrafchen. Freilich ftehen die Werke der damaligen Sculptur immer noch 
auf einer relativ höheren Stufe als diejenigen der Malerei. Es gehört eine 
weit gröfsere Abftraction dazu, das Bild eines Gegenftandes in die Fläche zu 
übertragen, als ihn plaftifch nachzuahmen. Von einem Bildhauer und einem 
Maler des Mittelalters, die an Talent und Ausbildung auf gleicher Stufe ftehen, 
wird der erftere ftets verhältnifsmäfsig Befferes zu leifien im Stande fein. Die 
Schwächen des Formgefühls und der Kenntnifs des Körpers find bei beiden 
in gleicher Weife empfindlich, aber bei dem Maler tritt noch der Mangel der 
befonderen Kenntniffe, die fein Fach verlangt, namentlich der Perfpective, 
hinzu.  
fgfeläird Eine weitere Stufe bezeichnen dann die Handfchriften aus dem Schluffe 
n. Jahrh. des 12. und den erften Jahrzehnten des I3. Jahrhunderts, für deren Stil der
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.