Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Einführung in die antike Kunst
Person:
Menge, Rudolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1225504
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1226778
 
Vestalinnen iindet  Der Zeigeünger an der linken Hand ist 
 nicht richtig ergänzt; es ist ihr ein Scepter (ein Stab) oder 
vielleicht eine lange Fackel 30) in die Hand zu gehen. Daraus 
Schliefst man, dafs es eine Göttin ist. Als ferneres Erkennungs- 
zeichen dient der Schleier, welchen Matronen zu tragen pliegen 
wie Rhea, Hera, Demeter. Von diesen kann es wegen des 
jugendlichen Gesichtsausdrucks keine sein. Es ist wohl die 
Göttin, in welcher Jugend und matronale Würde gemischt er- 
scheinen: Hestia, die keusche Göttin des Herdfeuers, die 
ernste, würdige Schutzgöttin des Hauses. Giustiniani ist sie 
zubenannt nach ihrem früheren Aufbewahrungsorte, dem Palast 
Giustiniani zu Rom. Der feierliche Ernst: des Bildes sagt uns, 
dafs es zu einer Zeit geschaffen ist, da man an die Götter 
noch glaubte, von einem Künstler, der selbst mit Andacht zu 
der Göttin emporsah. Das Gesicht ist schön, aber streng, 
die Haltung ist ruhig, aber nicht starr, denn der Hals ist leise 
gewendet und etwas nach rechts geneigt; ihr schöngebildeter 
linker Arm hält in natürlicher Weise das Scepter. Der 
Schleier fällt leicht herab; der obere Teil des Gewandes ist 
sparsam im Faltenwurf, aber nicht steif, ja unter dem Uber- 
schlag drängen sich krause Falten belebend hervor. Wir 
sehen also, dafs der Künstler es verstand, den Ausdruck des 
Starren zu vermeiden; um so mehr fällt uns die fadenartige 
Behandlung der Haare auf, die unnatürlich scharf vorspringende 
Augen- und Nasenlinie, das pfeilerartige Aussehen der untern 
Gewandung, welche weder Beine, noch auch nur Füfse an- 
deutet: das kann nicht Folge von Mangel an Kraft, son- 
dern nur von bewufstem Wollen sein. Der Künstler wollte 
wahrscheinlich nicht eine gewöhnliche Götterstatue, sondern 
ein Kultbild schaffen d. h. ein Teinpelbild, das Gegenstand 
-der Verehrung war. 
Die ältesten Kultbilder, von denen wir uns fast nur nach 
Beschreibungen oder Darstellungen auf Vasen eine Vorstellung 
machen können, waren durchaus kunstlos; wird doch von 
Holzbildern erzählt, die kaum menschenähnlich waren. Aber 
auch als die Kunst längst Vollendetes schalten konnte, blieben 
jene Bilder im Besitz der ererbten Ehren, teils weil es die 
Priester so anordneten, teils weil ihr Altertum ihnen in den 
Augen des Volkes gröfsere Heiligkeit verlieh. Daher erhielt 
sich lange die Sitte, wenn es galt, einem Tempel ein Kultbild 
zu weihen, dieses möglichst altertümlich zu bilden, eine Sitte, 
die besonders in späterer Zeit wieder lebhaft gepflegt wurde. 
Unsere Hestia ist, wie von Aphrodite abgesehen alle Statuen 
von Göttinnen, bekleidet. Es ist nötig die Gewandung 
noch etwas näher zu betrachten. Bei beiden Geschlechtern 

        

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