Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Einführung in die antike Kunst
Person:
Menge, Rudolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1225504
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1227580
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Kunst. 
Die griechische 
genau so wiedergegeben, wie sie unter dem Einflusse des 
äufseren Druckes, des Schmerzes, der Leidenschaft erscheinen 
mufsten. Auch sie haben auf den Zuschauer wirken wollen 
durch überraschend genaue WViede-rgabe des Naturwahren ; aber 
der Inhalt ihrer Kunst ist idealistisch, da sie Vorgänge dar- 
stellen, die dem Reiche der Phantasie angehören. Und sie 
fühlen sich als Herrscher in ihrem Reiche. Denn sie kennen 
keine äufseren Schranken, welche sie hinderten, die kühnen Ge- 
bilde ihres schaifenden Geistes in lebensvolle, greifbare Ge- 
stalten umzusetzen. 
Aphrodite von Melos. (Taf. 23, Fig.  Ganz andrer 
Art ist das folgende Bild. Hier erblicken wir ein jugendlich 
blühendes, hoheitsvoll schönes, bis zur Hüfte unbekleidetes 
Weib. Es ist zwar ohne äufsere Abzeichen, aber so erhaben, 
dafs es nur eine Göttin, so anmutig, dafs es nur Aphrodite sein 
kann. Eine andere Göttin würde auch nie halbnackt dar- 
gestellt worden sein. Da aufser den Attributen auch die 
Arme fehlen, so ist es bis jetzt noch nicht gelungen, in un- 
anfechtbarer Weise festzustellen, in welcher Handlung be- 
griffen man sie sich denken sollss). Doch sehen wir soviel 
an der Richtung des rechten Ober-armes und an dem An- 
satze des linken, dafs sie nicht wie die früher betrachteten 
Kultusbilder in völlig unthätiger Ruhe dasteht. Von der rech- 
ten Hand ist es sehr wahrscheinlich, dafs sie in der Nähe 
der linken Hüfte das Gewand gehalten habe; denn SChmiegt 
sich das Kleid, das den untern Teil des Körpers fast ver- 
hüllt, auch eng an und wird es auch von dem linken, höher 
gestellten Bein etwas unterstützt, so dürfte es doch, wenn es 
nicht von oben gehalten würde, herabfallen. Solch naturwidrige 
Anordnung aber hätte der Darstellungsweise der griechi- 
schen Kunst nicht entsprochen. Die Göttin steht ruhig auf 
dem rechten Beine, die rechte Hüfte ist stark ausgebogen, 
der linke, vorn zerstörte Fufs (er ist an unsrer Figur ergänzt) 
steht auf irgend einer Unterlage, wodurch das Heraufziehen 
des Knies begründet ist. Das Gewand ist in grofsartig ein- 
fachen, scharfen Falten um den untern Teil des Körpers ge- 
legt, ohne aber die Glieder zu verbergen. Aus dieser Hülle 
spriefst einer holden Blüte gleich der jugendfrische, keusch 
und edelgeformte Leib hervor. Das Haupt hat die Göttin 
leicht erhoben; stolz und selbstbewufst scheint sie in die 
Ferne zu blicken. Das voll, aber edel gebildete Antlitz zeigt 
Ernst und Würde, ja im Munde, dessen Winkel etwas herab- 
gezogen sind, ist eine gewisse Strenge angedeutet; nur das 
Auge hat einen etwas schmachtenden Ausdruck, indem es 
ein wenig nach oben gerichtet und das untere Augenlid
        

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